September 2014

Person of the month September 2014: Eberhard Friedrich Walcker

Eberhard Friedrich Walcker war ein bedeutender Orgelbauer des 19. Jahrhunderts. Seine Biographie (1) liest sich geradezu romanhaft: Der Vater von Eberhard Friedrich, Johann Eberhard, war Orgelbauer in Canstatt, jedoch (obwohl als Fachmann oft zu Rate gezogen) nicht sehr erfolgreich. So erlebt der Sohn, geboren am 3. Juli 1794, eine Kindheit im Schatten des Krieges von 1792, die von Armut gezeichnet ist. Und doch entsteht schon früh der Wunsch, selbst auch einmal Orgelbauer zu werden. 1807 begegnet er, zusammen mit seinem Vater, dem bedeutenden Orgeltheoretiker Abbé Vogler, der einen nachdrücklichen Eindruck auf den Jungen hinterlässt. 1808, mit 14 Jahren, beginnt E. F. Walcker eine Lehre als Orgelbauer bei seinem Vater. Die Mutter, durch die geringen Einnahmen ihres Mannes besorgt, drängt ihren Sohn, zusätzlich eine Arbeit in einer Wagenlackiererei anzunehmen, doch schon bald wendet sich Eberhard Friedrich wieder ganz dem Orgelbau zu – mit Erfolg: 1817, noch in der Gesellenzeit, entsteht seine erste Orgel. 1821 macht sich Eberhard Friedrich als Orgelbauer selbstständig, vermutlich auch, um dem Widerstand der Mutter zu entgehen, die sich wiederholt gegen seine Ideen zu Neuerungen im Orgelbau ausspricht. Im selben Jahr zieht er nach Ludwigsburg, wo die Firma Walcker lange Zeit ihren Sitz haben wird. Sein Vater schenkt ihm zur Verlobung mit Beate Luise Weigle unter anderem einen Auftrag für eine neue Orgel in Kochersteinsfeld – und verzichtet bereits ab 1820 zugunsten seines Sohnes auf Aufträge für Orgelneubauten.
Der Start in die Selbstständigkeit jedoch ist schwierig. Ein Raum der ehelichen Zweizimmerwohnung muss als Materiallager dienen, und die finanziellen Mittel bleiben knapp. Schon bald aber werden die Orgeln von Walcker im Stuttgarter Raum bekannt. Am 9. Mai 1833 wird, nach einer Bauzeit von mehr als fünf Jahren, seine erste große und bald über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte Orgel eingeweiht: die Orgel der Paulskirche in Frankfurt (op. 9). Zu Beginn dieses Baus war es Walcker gelungen, neue Arbeitsräume sowie fünf Gehilfen zu finanzieren; aus dem Erlös der Frankfurter Orgel zahlte er den Bau eines Orgelsaals. Walcker war dabei, einer der wichtigsten Orgelbauer seiner Zeit zu werden und sollte schon bald, anders als die meisten seiner Kollegen, weltweit tätig sein. 1854 ließ er seine beiden ältesten Söhne, Heinrich und Friedrich, als Teilhaber der Firma eintragen. Am 4. Oktober 1872 starb Eberhard Friedrich Walcker mit 78 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls. Die Firma selbst blieb bis 1974 in Ludwigsburg. Nach diversen Zwischenstationen und einer Insolvenz 1999 (2) existieren heute die Nachfolgeunternehmen „Orgelbau Walcker-Mayer“ (Guntramssdorf, Österreich) und „Gerhard Walcker-Mayer“ (Bliesransbach, Deutschland).

Die Orgeln von E. F. Walcker stehen insbesondere für einen neuen Klang: Walcker prägte die Orgel der Romantik. Die Orgeln im frühen Barock hatten als Ideal das Klangbild eines Bläserensembles und die Unterscheidung der einzelnen Klangfarben stand im Vordergrund. Im Spätbarock entstand bereits das Bedürfnis nach Verschmelzung und der Möglichkeit dynamischer Schattierungen. Die Musik der Romantik schließlich erforderte eine neue Klanggebung, so beispielsweise einen geschmeidigeren Ton, dynamische Entwicklungen (Crescendo/Decrescendo) und die Wiedergabe möglichst unterschiedlicher Charaktere und Stimmungen. (3)
Walcker, der seine Klangvorstellungen immer wieder hatte darlegen und verteidigen müssen, war geprägt von Abbé Voglers bahnbrechenden Forderungen zum Orgelbau. Hierzu zählte unter anderem, dass die Dispositionen (4) vereinheitlicht werden sollten, die Tonstärke nicht mehr durch die Anzahl der Pfeifen sondern eine verbesserte Windzufuhr erreicht würde oder auch, entsprechend der Orchesterdynamik, sogenannte Schwellwerke eingebaut werden mögen (5).
Walcker entwickelte aus Voglers Überlegungen unter anderem eine konsequente Anwendung des Prinzips der Kombinationstöne („additive Klangverschmelzung“) und einen deutlichen Fokus des Klangs auf die Grundstimmen bzw. den Grundton. Schweller und Pianopedal hielten Einzug in seine Instrumente, sodass die oben erwähnten dynamischen Eigenschaften der Romantik auch an der Orgel umgesetzt werden konnten (6). Als bahnbrechend galt Walckers Einführung der Kegellage, einer neuen Technik der Windzufuhr.

Die Zeit von E. F. Walcker war auch die Blütezeit der Synagogenorgel: Eine der ersten Orgeln für eine Synagoge wurde 1818 in Hamburg gebaut (7); es folgten heftige Auseinandersetzungen zur „Orgelfrage“ (8). Bis heute ist nicht gesichert, ob und in welcher Form der Klang der Synagogenorgeln von christlichen Orgeln abweicht. Es scheint, dass Synagogenorgeln durchaus zeittypische, aber eben doch besondere Dispositionen hatten (in den Vordergrund tretende Begleitregister; ein zurücktretender, zarter Klang (9)). Werner Walcker-Mayer sagt dazu: „Eine typische Orgel für Synagogen gibt es nicht, in der klanglichen Gestaltung hat man sich an den entsprechenden Zeitgeist angelehnt.“ (10) Bis zum Jahr 1938 entstanden 32 Synagogenorgeln der Firma Walcker, darunter die größte der damaligen Zeit in der Synagoge Berlin Oranienburger Straße (op. 1526, 1910) mit 4 Manualen und 90 Registern (11).

Im Archiv des EZJM befinden sich 10 Orgelpläne von Walcker’schen Synagogenorgeln, die noch auf ihre wissenschaftliche Erschließung warten, jedoch schon heute (auf Anfrage) in digitalisierter Form betrachtet werden können (siehe unten).

Barbara Burghardt

Orgelpläne Walcker'scher Synagogenorgeln im EZJM

 

Eberhard Friedrich Walcker

Bibliographische Angaben

(1) Sämtliche biographischen Hinweise stammen aus: Moosmann, Ferdinand; Schäfer, Ruth: Eberhard Friedrich Walcker (1794 – 1872), Kleinblittersdorf 1994. EZJM-Signatur: B6 2 Wal

(2) Vgl. www.walcker.at [hier: Geschichte], Abruf: 5.8.2014

(3) ebd., S. 48–49

(4) Disposition = „Aufbau einer Orgel [...] hinsichtlich ihrer Register mit deren Namen und Tonlagen [...] sowie Trakturart und Windladensystem“. Aus: Adelung, Wolfgang: Einführung in den Orgelbau, Leipzig 1955. EZJM-Signatur: B6 2 Ade

(5) Vgl. Moosmann und Schäfer, S. 26–27

(6) ebd.

(7) Göttert, Karl-Heinz; Isenburg: Eckhard: Orgeln! Orgeln!, Kassel [u.a.], 2007, S. 99. EZJM-Signatur: B6 2 Göt (3)

(8) Vgl. hierzu u.a. Levinson, Peter: Der Streit um die Orgel. In: „Niemand wollte mich hören... – Magrepha: Die Orgel in der Synagoge“, Hannover 1999. EZJM-Signatur: A3 2 Izs

(9) Tremmel, Erich: Die Orgel in der Synagoge. In: Internationales Festival der Jüdischen Musik. Augsburg, 1989, S. 80. EZJM-Signatur: A1 1 EZJ

(10) Walcker-Mayer, Werner: Walcker-Orgeln in Synagogen. In: „Niemand wollte mich hören... – Magrepha: Die Orgel in der Synagoge“, S. 171

(11) Göttert, S. 100

Orgelplan Synagoge Hörde

Last modified: 2016-02-09

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