June 2015

Person of the month June 2015: Eduard Birnbaum

Eduard Birnbaum – „scholar, bibliographer, archivist, composer, arranger, cantor, and collector“ (1) – gilt als einer der ersten Forscher auf dem Gebiet der Synagogalmusik (vgl. u. a. 2, S. 37).

1855 wurde er in Krakau geboren. Sein Vater Isaak Mandel Birnbaum, aus einer jüdischen Gelehrtenfamilie stammend (3, S. 9), unterrichtete unter anderem die deutsche Sprache an der Krakauer Höheren Schule. Da diese Tätigkeit zu einem wesentlichen Teil ehrenamtlich war, lebte die Familie insbesondere von dem Einkommen der Mutter, die eine Gastwirtschaft betrieb (3, S. 11).

Schon früh fiel den Lehrern von Eduard Birnbaum dessen musikalische Begabung auf, und im Alter von etwa 12 Jahren erhielt er eine stimmliche Ausbildung an der Volksschule ‚Talmud Torah’ in Wien. Zurück in Krakau trat er daraufhin in kleinen Privatsynagogen bereits als „little cantor“ (2, S. 37) auf. 1869, mit 14 Jahren, wurde Eduard zu Moritz Deutsch nach Breslau geschickt, um an dessen Kantorenschule aufgenommen zu werden. Deutsch befand den Jungen jedoch als zu jung, woraufhin dieser seine Ausbildung insbesondere von Professor Heinrich Graetz erhielt, dessen Kinder er wiederum in Hebräisch unterrichtete, um sich etwas Geld zu verdienen. Mit 16 Jahren sang Eduard in Breslau bereits als „assistant cantor during the high holidays“ (2, S. 37).

Es folgten von 1872 bis 1874 eine Episode als Zweiter Kantor der Synagogen-Gemeinde in Magdeburg und von 1874 bis 1879 als Hauptkantor in Beuthen (4, S. 20). Darüber hinaus hatte Birnbaum während dieser Zeit einen längeren Aufenthalt in Wien bei Salomon Sulzer „in order to cultivate a finer ‚recitive’“ (2, S. 37). Im Mai 1879 schließlich wurde er als Nachfolger von Hirsch Weintraub Hauptkantor der jüdischen Gemeinde in Königsberg. Fast zeitgleich bekam er die Nachfolgestelle von Sulzer in Wien angeboten, doch er entschied sich für die lebenslange Anstellung mit gutem Gehalt, und tatsächlich blieb er bis zu seinem Tod 1920 auf diesem Posten. (2, S. 37).

Hier, in Königsberg, führte Birnbaum ein Leben „halb das eines Künstlers, halb das eines Gelehrten“ (3, S. 12). Hanoch Avenary schreibt, Birnbaum  „[...] combined a profound knowledge of Jewish musical tradition with scientific and historical consciousness“ (5, S. 3). Seine Forschungen galten unter anderem den „Beziehungen zwischen der Liturgie der Synagoge und der weltlichen Musik der Gastländer [...], in denen die Juden in vergangenen Jahrhunderten gelebt hatten.“ (3, S. 12). Er veröffentlichte Artikel in zahlreichen Zeitschriften: Allein sein Kollege Samuel Guttmann sammelte 120 Artikel von ihm, die jedoch während des Zweiten Weltkrieges verbrannten (2, S. 38). Birnbaums Forschungsergebnissen wurde bereits zu Lebzeiten deutliche Aufmerksamkeit gewidmet. So erinnert sich sein Sohn Immanuel (geboren 1894 in Königsberg), es sei eine kleine Sensation gewesen, als Birnbaum nachwies, dass „die populärste jüdische Melodie zum Lichterfest [...] ursprünglich ein deutsches Handwerkerlied mit dem Titel ‚Es blüht ein Blümlein auf breiter Heid’ gewesen“ sei. (3, S. 13). Sein Hauptberuf aber war der des Leiters und Vorsängers des Gottesdienstes; hierfür komponierte er auch Psalmen und andere Gebete.

Immanuel, der sich in späteren Jahren in Deutschland als Journalist und Publizist einen Namen machte, schreibt in seiner Autobiographie eindrücklich von dem besonderen Verhältnis, das sein Vater zur Religion hatte. Ihm zufolge haderte Eduard Birnbaum damit, dass er sich weder mit der orthodoxen noch mit der liberalen Ausrichtung des Judentums identifizieren konnte, ebenso wenig wie mit dem Zionismus (3, S. 13). Offenbar war ihm eine tolerante Einstellung zur Religion wichtig, wie in einem Gespräch mit dem Sohn Immanuel deutlich wurde, als er diesem – der durch die für die Ehe zum Judentum konvertierte Mutter (3, S.16) auch christlich geprägt war – die jüdischen Gebete und Gebräuche nahebrachte: „Du sollst das alles nur einmal kennenlernen. Was du davon annimmst, ist deine Sache“ (3, S. 31). Eine weitere Begebenheit zeugt von Birnbaums religiöser Offenheit: In seiner Funktion als stellvertretender Dirigent zweier Königsberger Gesangvereine leitete er im evangelischen Dom eine Aufführung von Bachs Johannespassion (3, S. 14). Seine noch im hohen Alter schwärmerischen Erinnerungen an Shakespeareaufführungen im Wiener Burgtheater wiederum deuten auf weit über die musikalische Tätigkeit hinausgehende Interessen hin (3, S. 12). Und doch: „Als Künstler ein wenig weltfremd [...]“, konnte sich Eduard Birnbaum – so der Sohn – in schweren Zeiten auf die „musikalische Darstellung seines Innenlebens [...] konzentrieren“  (3, S. 348).

Ein entscheidendes Erbe von Eduard Birnbaum ist seine umfangreiche Sammlung, die 1928 vom Hebrew Union College in Cincinnati erworben wurde und als „Eduard Birnbaum Music Collection“ bis heute eine für jüdische Musikstudien wichtige Quelle ist. Neben zahlreichen Werken jüdischer Musik vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert enthält sie „ [...] seinen thematischen Katalog, der auf etwa 7000 Karten synagogale Melodien auflistet, sowie seine Referenzensammlung zu Musik in rabbinischen Texten“ (6). John Planer bezeichnete die Eduard Birnbaum Music Collection 1998 als eine „collection for cantors, musicians, and students of Jewish history“ (6). Sowohl Abraham Idelsohn als auch Eric Werner beschäftigten sich intensiv mit ihr und veröffentlichten darüber Arbeiten (1). 1979 bis 1980 widmeten sich Israel Adler, Edwin Seroussi und weitere Mitarbeiter der Erschließung der Sammlung. Ein Beispiel für die immense Arbeit von Birnbaum ist der von ihm selbst als „Musikzettl“ bezeichnete Katalog, in dem er die aschkenasische Tradition auf insgesamt ca. 10.000 Karteikarten nach Textanfängen, Tonart, Erstdruck erschloss (1). Birnbaum widmete sich also insbesondere der umfassenden Indexierung nicht nur von Gesamt-, sondern auch von Einzelwerken der synagogalen Musik: ein Fundus, auf den bis heute zurückgegriffen wird.

Eine Erinnerung seines Sohnes möge noch einmal den Blick weg vom Forscher hin zu dem Menschen Eduard Birnbaum wenden: „In der Seele meines Vaters [...] überwogen doch immer die Perioden begeisterten Hochgefühls oder der Stimmung stillen Gottvertrauens“ (3, S. 348).

Barbara Burghardt

enthalten in: German-Jewish Organ Music. An Anthology of Works from the 1820s to the 1960s, edited by Tina Frühauf, Middleton/Wisconsin 2013. EZJM-Signatur C1 1 Früh
 

Eduard Birnbaum

Bibliographische Angaben

(1) Planer, John H: Introduction to the Birnbaum Collection. http: // huc.edu / sites / default / files / library / birnbaum / IntrotoBirnbaumColl.pdf (Abruf: 3.6.15).

(2) Davidsohn, Magnus: The life and works of Edward Birnbaum. In: Proceedings of the Sixth Annual Conference – Convention of the Cantors Assembly of America and the Department of Music of the United Synagogue of America, 1953.

(3) Birnbaum, Immanuel: Achtzig Jahre dabei gewesen. München, 1974.
EZJM-Signatur: A2 2 Bir

(4) Grünsteudel, Günther: Musik für die Synagoge: die Sammlung Marcel Lorand der Universitätsbibliothek Augsburg. Augsburg, 2008.
EZJM-Signatur: A0 Lor

(5) Birnbaum, Eduard: Jewish musicians at the court of the Mantuan Dukes (1542 – 1628). Engl. Ed., rev. & augmented by Judith Cohen. Tel-Aviv, 1978.
EZJM-Signatur: A1 3 Bir

(6) http: // de.inforapid.org / index.php?search = Eduard%20Birnbaum (Abruf: 3.6.2015).

Last modified: 2016-02-09

To top