October 2013

Buch des Monats Oktober 2013

Kal nidré, Opus 12 des Synagogenmusikers und Musikethnologen Alberto Hemsi (1898–1975), ist eine der 25 raren Notenausgaben von Kompositionen Hemsis, die dem EZJM in diesem Jahr vom Pariser Institut Européen des Musiques Juives (Europäisches Institut jüdischer Musiken) geschenkt wurden. Es enthält eine Vertonung des jüdischen Gebets, die Hemsi 1933 in Alexandria veröffentlichte.

Mit dem Gesang von Kol nidre (dt.: ‚Alle Gelübde’) beginnt der Abendgottesdienst am Versöhnungstag, dem höchsten Feiertag im Judentum. Inhalt des aramäischen Textes ist das Widerrufen aller Gelübde und Versprechungen der Gläubigen gegenüber Gott:

Mögen wir von allen Gelübden und Verpflichtungen freigesprochen werden, die wir Gott gegenüber vergeblich machen werden von diesem Versöhnungstag an bis zum nächsten Versöhnungstag, der zu unserem Wohl kommen möge; von den Aufgaben und Versprechungen, die wir nicht erfüllen können, von der Einsatzbereitschaft, die wir besser nicht aufgebracht, und von den Unternehmungen, die wir besser nicht angefangen hätten.
(Übersetzung Annette Böckler)

Hemsi bearbeitete jedoch nicht die verbreitete Kol-nidre-Melodie der aschkenasischen Juden, die u. a. durch die Kompositionen von Max Bruch und Arnold Schönberg über den jüdisch-liturgischen Kontext hinaus bekannt ist. Wie aus dem Vorwort zu dieser Notenausgabe hervorgeht, griff Hemsi in seiner Komposition vielmehr auf mündlich überlieferte Melodien der Juden in Smyrna (heute Izmir, Türkei) zurück. Er verarbeitete sie zu einem Sologesang mit Klavierbegleitung für die Aufführung in weltlichen Konzerten.

Alberto Hemsi wurde als Sohn italienischer Eltern 1898 bei Smyrna geboren und absolvierte seine musikalische Ausbildung in Italien. 1924 bis 1927 hielt er sich auf Rhodos auf, wo er Musik unterrichtete und wo sein Interesse an der sephardischen Folklore geweckt wurde. In den folgenden Jahren betrieb er ethnographische Studien und schrieb zahlreiche judenspanische Romances (Balladen), Coplas (hebräische religiöse Gesänge) und Cantigas (Lieder des Alltags) nieder. 1928 wurde Hemsi als Synagogenmusikdirektor in Alexandria angestellt. Hier gründete er im folgenden Jahr den Verlag Édition Orientale de Musique, in dem er die meisten seiner Werke veröffentlichte. Nach dem Krieg auf dem Sinai siedelte er 1957 nach Frankreich über.

Einige der gesammelten judenspanischen Lieder bildeten die Grundlage für Hemsis Coplas sefardies, die er für Gesang und Klavier arrangierte. Sie erschienen in einer Reihe von zehn Heften 1932 bis 1938 in Ägypten (Heft 1 - 5) und 1969 bis 1973 (Heft 6 - 10) in Frankreich. Aufnahmen ausgewählter Lieder hat das Institut Européen des Musiques Juives 2005 auf einer CD mit dem Titel „Coplas sefardies“ veröffentlicht, die ebenso wie die Notenreihe zur Schenkung aus Paris an die EZJM-Bibliothek gehören.

Hörbeispiele sind unter folgendem Link zu finden:
www.cfmj.fr/actualites-de-l-iemj/publications/cd-dvd-multimedia/alberto-hemsi.html

Martha Stellmacher

 

Bibliographische Angaben

Alberto Hemsi: Kal nidré
(Prière hébraïque).

Chant et piano, Edition orientale de musique, Alexandria, 1933,
7 S.

Signatur in der EZJM-Bibliothek:
C1 3 Hem

Last modified: 2016-02-09

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