November 2013

Buch des Monats November 2013

Victor Rokitansky (1836 – 1896) war als Konzertsänger (Bariton), Komponist und Gesangspädagoge in Österreich tätig. Nach seiner Laufbahn als Bühnensänger war er von 1871 bis 1880 Professor für Gesang am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Sein Buch „Über Sänger und Singen“ erschien 1891. Es handelt sich hierbei um ein theoretisches Werk, das sich neben der Technik des Singens auch mit Gesangspädagogik, musikästhetischen Aspekten und gesundheitlichen Hinweisen für Sänger befasst.

Mehrere Aspekte machen dieses Buch zu einer unterhaltsamen und lehrreichen Lektüre. Da ist zum Einen die verschnörkelte, charmant anmutende Sprache Rokitanskys. Die präzisen und teils strengen Anmerkungen des Pädagogen wirken aus heutiger Sicht zuweilen geradezu satirisch, an anderen Stellen wiederum überraschend einleuchtend und aktuell. So heißt es zum Beispiel: Jeder Sänger möge seine Stimme nur innerhalb jener Grenze gebrauchen und verwerthen, welche ihm die Natur vorgezeichnet hat. Das Hinaufschrauben der Stimme [...] ist ein Unsinn, welcher sich alsbald durch den Ruin der Stimme selbst declarirt. (S. 25). Des Weiteren bekommt man eine Idee davon, welche gesangspädagogischen Prinzipien um 1850 gegolten haben. So gibt es Angaben zur Fußhaltung (Fussspitzen auswärts, der rechte Fuss etwa handbreit nach rechts, schräge vorwärts gestellt (S. 18)), Ausführungen über falsch intoniertes Singen oder bei weitem nicht wertfreie Überlegungen zu Musikern und Komponisten. Und schließlich handelt es sich beim vorliegenden Band um eine Schmuckausgabe mit verziertem Einband, in der sich auch handschriftliche Hinweise eines Lesers aus der Zeit um 1900 befinden, der mit diesem Buch offensichtlich gearbeitet hat.

Das Werk besteht aus vier Teilen. Nach anfänglichen Ausführungen zu Didaktik und Methodik folgt der Hauptteil „Allgemeines über die Technik der Gesangskunst“. Unter dem Punkt „Aphoristisches“ gibt Rokitansky persönliche Einschätzungen insbesondere zu Opernthemen. Abschließend folgt „Diätisches für den Sänger“ mit Hinweisen und Tipps zum Beispiel zu Stimmpflege, Ernährung oder dem Verhalten an dem Tage des Auftretens vor der Oeffentlichkeit. An vielen Stellen  wird deutlich, dass Rokitansky aus der gesangspädagogischen Praxis berichtet. So gibt er neben allgemeinen technischen Erläuterungen überraschend viele Hinweise auf die Gefahren der Überanstrengung und warnt jene Stimmen, die bereits durch falsche Technik ‚verdorben’ wurden – und nun (vom Lehrer) vorsichtig wieder geheilt werden können: Je fester eingewurzelt der Fehler, desto milder sei das Mittel, ihn zu bekämpfen (S. 63).
Von musikhistorischem Interesse ist insbesondere der aphoristische Teil, in dem Rokitansky nicht nur darauf hinweist, dass die Gesangskunst fast tot sei (im Jahr 1891!), sondern wo er unter Anderem vorschlägt, die ‚Lucia’ (wohl: Lucia di Lammermoor) zu entschlacken und sich schließlich in einer umfangreicheren Künstlerstudie mit den Interpretationen der Sängerin Alice Barbi (1858 – 1948) höchst kritisch auseinandersetzt.
Wer in einem Chor singt, wird an Rokitanskys Ausführungen wenig Freude haben. Im dritten Teil des Werkes verdammt der Autor das Chorsingen: [...] So kann mich dies in meiner Ueberzeugung nicht beirren, dass Chorgesang im Allgemeinen das Verderben der Stimme sei (S. 153). Nicht zuletzt äußert sich Rokitansky auch über jüdische Kantoren, wenngleich nicht mit der Achtung, die ihnen zustünde: [...] Außerdem habe ich merkwürdigerweise in vielen Fällen ganz vortreffliche rohe Anlagen für diese Form von Coloraturen bei jüdischen Cantoren vorgefunden. (S. 47)

Barbara Burghardt

 

Bibliographische Angaben

Victor Rokitansky: Über Sänger und Singen.
Wien [u.a.], 1891, 191 S.

Signatur in der EZJM-Bibliothek:
B4 Rok

Last modified: 2016-02-09

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