April 2014

Book of the month April 2014

Der in Kitzingen geborene Komponist Herbert Fromm (1905–1995) studierte in München Komposition und Dirigieren. Als Kapellmeister in Würzburg nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 entlassen, setzte er seine musikalische Arbeit im Jüdischen Kulturbund in Frankfurt am Main fort, wo er auch Assistent seines Orgellehrers Siegfried Würzburger an der Frankfurter Westend-Synagoge war. 1937 emigrierte er in die USA. Er wirkte als Organist und Musikdirektor zunächst am Temple Bet Zion in Buffalo, New York, und ab 1941 bis zu seinem Ruhestand am Temple Israel in Boston. Fromm komponierte vor allem Musik für den Gottesdienst jüdischer Reformgemeinden, aber auch weltliche Werke. Er zählt zu einer Gruppe von Emigranten aus dem deutschsprachigen Raum, die die amerikanische Synagogenmusik entscheidend mitprägten.

In dem Buch "On Jewish Music" sind verschiedene Abhandlungen Fromms zur jüdischen Musik zusammengestellt: Der erste Teil umfasst 13 Artikel und Vorträge Fromms aus den Jahren 1943 bis 1976, der zweite Teil Texte zu vier Komponisten jüdisch-liturgischer Musik (Salamone Rossi, A.W. Binder, Hugo Chaim Adler und Heinrich Schalit), neun Werk- und Buchbesprechungen sowie einige weitere kurze Texte.

Fromm schreibt aus der Sicht des Synagogenkomponisten, der sich für eine zeitgemäße liturgische Musik in den amerikanischen Reformgemeinden einsetzt – und sich dabei in einem Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer Freiheit und Gemeinderealität wiederfindet. Leitcharakter für die Arbeit eines Komponisten synagogaler Musik hat für ihn der in Synagogen häufig zu lesende Vers „Wisse, vor wem du stehst“ (S. 53).

Immer wieder wird sein Unbehagen gegenüber der zu seiner Zeit beliebten populären Musik in den amerikanischen Synagogen deutlich – seien es Jazz- oder Rockgottesdienste, Folksong-Adaptionen und Gitarrenklänge oder auch aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissene chassidische Gesänge.

Fromm beklagt das schlechte Ansehen, das die sakrale Musik unter Musikern habe – diese hätten vorzugsweise weltliche Karrieren im Auge und würden den Synagogengemeinden als Nachwuchs fehlen. Zugleich moniert er die mangelnde Wertschätzung der Musik innerhalb der Gemeinden.

Zum gestalterischen Aufgabengebiet des Synagogenkomponisten gehören laut Fromm musikalische Stücke für die wöchentlichen Gottesdienste und die Feiertage (wobei er auch eine Verbesserung des Gemeindegesangs im Blick hat), Orgelmusik (vor allem für die Vor- und Nachspiele zu den Gottesdiensten), musikalische Liturgien in größeren Formen (als „symphonic Service“ bezeichnet, S. 13) und die freie Vertonung sakraler Texte. Merkmale der synagogalen Musik seiner Zeit – im Vergleich zu den musikalischen Möglichkeiten der jüdischen Reformbewegung im 19. Jahrhundert – sind für ihn u. a. ein verstärktes Zurückgreifen auf überlieferte Melodien und traditionelle Modi, geeignetere Methoden hinsichtlich der Harmonisierung traditioneller, ursprünglich ohne Begleitung gedachter Melodien, eine bessere musikalische Umsetzung der hebräischen Sprache und die Schaffung neuer Melodien. Aus seinen Darlegungen wie auch aus den kritischen Besprechungen der synagogalen Werke seiner Komponistenkollegen lässt sich herauslesen, welche Aspekte ihm für seine eigene kompositorische Arbeit wichtig waren und von welchen Quellen er sich inspirieren ließ.

Woran jüdische Musik konkret auszumachen ist, ist seiner Meinung nach schwer darzulegen – es sei "a matter of spirit responding to spirit" (S. 5), gelegentlich spricht er auch von einem "Jewish idiom" musikalischer Werke (z. B. S. 12). "Jewish music today", so schreibt er auf S. 5, "is a mixture of many ingredients, and thus a true mirror of Jewish history".

Susanne Borchers

Quellen:
Kurzbiographien unter www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00003248 (Autorin: Tina Frühauf), www.milkenarchive.org/people/view/all/527/Herbert+Fromm (Autor: Neil W. Levin).
Information zum Nachlass Herbert Fromms am Jewish Theological Seminary, New York, unter jtsa.edu/prebuilt/archives/music/fromm.shtml
(abgerufen jeweils am 28.03.2014)

 

 

Bibliographische Angaben

Herbert Fromm: On Jewish Music. A Composer's View.
New York, Bloch 1978, 173 S.

Signatur in der EZJM-Bibliothek:
A1 1 Fro

Last modified: 2016-02-09

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