Musikalische Zeitlandschaften

Musikalische Zeitlandschaften: Überlegungen zu einer Musikethnologie der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist heute keine Option mehr, sondern eine existenzielle Frage, die jeden betrifft. Dennoch öffnet sich in den letzten Jahren die Schere zwischen den 1992 auf dem Umweltgipfelt in Rio de Janeiro verabschiedeten Nachhaltigkeitszielen und deren realer gesellschaftlicher Umsetzung immer mehr. Ein Grund dafür ist, dass in den gegenwärtigen Diskursen zu nachhaltiger Entwicklung (innerhalb der Wirtschafts-, Umwelt- und Sozialwissenschaften) Erkenntnisse und Beiträge aus den Kulturwissenschaften im weiteren Sinne, und die der Musikethnologie im engeren Sinne, unterrepräsentiert sind – besonders in Hinsicht der angewandten Forschung/Musikethnologie.

Auf der Grundlage bereits existierender Forschung auf dem Gebiet der angewandten Musikethnologie einerseits und ausgewählten Fallstudien (Fallstudie 1: jüdische Musik in der Deutschschweiz; Fallstudie 2: Kontemporaryong Gamelan Pilipino) und Experteninterviews andererseits, untersucht mein Habilitationsprojekt die Rolle von Musik als alternatives Medium zur Kommunikation der Nachhaltigkeitsziele, bzw. die von MusikerInnen als sog. „change agents in sustainability.“ In diesem Kontext versucht mein Projekt weiterhin anwendbare kulturelle Strategien der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Dabei stellen gegenwärtige Auseinandersetzungen zu „Kultur“ als der vierten Säule nachhaltiger Entwicklung und der damit einhergehenden Forderung nach einem gesellschaftlichen Wandel im Sinne kultureller Nachhaltigkeit einen wesentlichen Ausgangspunkt dar.

Zur Veranschaulichung:

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung hat sich in der Schweiz ein jüdisches Musikschaffen herauskristallisiert, das sich von lokalen (Volks-)Musiktraditionen inspirieren ließ und lässt. Fallstudie 1 meines musikethnologischen Habilitationsprojektes untersucht daher die lokale Verortung jüdischer Musik in der Deutschschweiz und fragt dabei nach den Wechselwirkungen zwischen schweizerischer und jüdischer Musik und Kultur und somit danach, ob es eine prononciert schweizerisch-jüdische Musikkultur gibt. Auf dieser Basis fragt das Projekt weiter nach den kulturpolitischen Implikationen zur Erforschung jüdischer Musik in der Schweiz. Vor dem Hintergrund des Konzeptes der kulturellen Nachhaltigkeit/des „intangible cultural heritage“ geht es der Frage nach, ob und ab wann jüdische Musik auch als Teil der gesamtschweizerischen Kulturlandschaft wahrgenommen und als solche für die Zukunft bewahrt wird.

Auf der Grundlage der bisherigen Feldforschung in der Deutschschweiz hat sich gezeigt, dass dem Erhalt und Bewahren des schweizerisch-jüdischen Musikerbes ein Bewusstseins- und Sensibilisierungsprozess für die Eigenheiten dieser musikalischen Traditionen vorausgehen muss. Im Sinne der „Applied Ethnomusicology“, bzw. einer „Musikethnologie der Nachhaltigkeit“, wird daher zunächst nach der Rolle der Musikethnologie im Kontext dieses Sensibilisierungsprozesses gefragt. Des Weiteren werden alternative (angewandte) Wissenschaftskonzepte und Strategien erarbeitet, die helfen sollen, dass nicht nur das ohnehin schon Bekannte (und damit nicht primär Gefährdete) bewahrt wird, sondern auch das Neue, Überraschende und Verborgene (zu Tage) gefördert, der Öffentlichkeit zugänglich und somit für die Zukunft bewahrt wird.

 

Ansprechpartnerin

Prof. Dr. Sarah M. Ross
Direktorin des EZJM
T. +49-(0)511-844887-101
E-Mail: Prof. Dr. Sarah M. Ross

Zuletzt bearbeitet: 06.06.2016

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