German Jewish Sacred Musical Intersections

"German Jewish Sacred Musical Intersections"

Projektlaufzeit:
1. Juli 2019 bis 30. Juni 2022

Kooperationspartner:
Hebräische Universität Jerusalem: Prof. Edwin Seroussi, Jewish Music Research Center

Dieses Projekt hat zum Ziel, die deutsch-jüdische (aschkenasische) liturgische Musik vom frühen 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg zu lokalisieren, abzubilden, zu analysieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie in ihrem breiten europäischen kulturellen Kontext zu interpretieren. Die Synagogen werden dabei nicht nur als rituelle Räume betrachtet, sondern auch als Orte der durch Musik vermittelten öffentlichen Darstellung neuer, sich wandelnder ästhetischer Ideale und interkultureller Schnittstellen zwischen Juden und der umgebenden Gesellschaft. Gleichzeitig kommen hier regionale Unterschiede und Besonderheiten der Gemeinde zum Ausdruck.

Theoretisch verankert ist dieses Projekt darin, dass sich parallel zum schrittweisen Aufstieg der deutschen Musik als einer „universellen“ Sprache, gegen die sich andere musikalische Nationalismen in Europa abgrenzten, ein neues Paradigma jüdischer liturgischer Musik in deutschsprachigen Gemeinden entwickelte. Ebenso bildeten sich lokale synagogale Repertoires im Dialog mit dem deutsch-jüdischen Paradigma heraus, das seit dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts vor allem in Wien, Berlin und Paris entstand.

Solche Entwicklungen wurden ermöglicht durch die Bildung eines Netzwerks aus einzelnen Musikern, die in verschiedenen Beziehungsgeflechten standen (wie z. B. Lehrer – Schüler, Solist – Chormitglied, Mitgliedschaft in Berufs- oder Interessensverbänden etc.) und die diese neuen ästhetischen Ideale des Ritus durch die Veröffentlichung und den Vertrieb von Musik, durch die Gründung von kantoralen Schulen und Vereinigungen und mittels der jüdischen Fach- und allgemeinen Presse förderten. In Hinsicht auf die Presse sind Rezeption und Kritik als integraler Bestandteil der Konsolidierung der Narrative hervorzuheben, die im Untersuchungszeitraum  die musikalischen Veränderungen in den Synagogen trugen  und anregten.

Das Projekt greift auf eine Fülle von unbekannten oder wenig erforschten musikalischen Quellen in Bibliotheken und Archiven, vor allem gedruckten und handgeschriebenen Noten, Archivaufnahmen, privaten Nachlässen von Komponisten, Kantoren und Chorleitern sowie auf Kantorenzeitschriften zurück. Darüber hinaus erhoffen wir uns als weiteren Nutzen aus unserem Projekt Editionen, Aufführungen und Aufnahmen von ausgewähltem Material sowie öffentlich zugängliche Lernprogramme, die von den Entwicklungen auf dem Gebiet der Digital Humanities profitieren.

Obwohl der Schwerpunkt vor allem auf der Vergangenheit liegt,  sind die Ergebnisse des Projekts relevant für die Gegenwart und Zukunft der aschkenasischen liturgischen Musik in Europa und darüber hinaus. Infolge von modernem Leben und Globalisierung finden gegenläufige Prozesse innerhalb dieser musikalischen Praxis statt. Unter einigen Wissenschaftlern und Praktizierenden herrscht eine rührselige Sichtweise hinsichtlich des "Verschwindens" der "traditionellen" aschkenasischen liturgischen Musik vor. In der Tat sind während der Zeit des Nationalsozialismus und der Shoa Traditionen und Erinnerungen für immer verlorengegangen. Als Forschungsstrategie jedoch wird dieser "Niedergang" oft so begriffen, dass er das Schwinden einer einzigartigen Identität und den Vorschlag dringender Aktionen, um ihren vergangenen Glanz wiederherzustellen, nach sich zieht. Andere wiederum machen geltend, dass nur eine tiefgreifende Erneuerung von Repertoires und Aufführungspraktiken, ein Prozess, der auf die ästhetische Sicht der Dinge der jetzigen Generation eingeht, ihre Zukunft sicherstellen kann. Unser Ansatz versucht diese entgegengesetzten Sichtweisen zu verschmelzen, denn wir glauben, dass das Wiederaufleben der aschkenasischen Synagoge und das wachsende Interesse an diesem musikalischen Repertoire sowohl in praktischer als auch in theoretischer Hinsicht von den Ergebnissen eines solchen integrativen Projekts profitieren kann.

 

Kontakt

Prof. Dr. Sarah M. Ross
Direktorin des EZJM
T. +49-(0)511-3100-7120
E-Mail: Prof. Dr. Sarah M. Ross

Dr. Jean Goldenbaum
E-Mail: Dr. Jean Goldenbaum

Projektförderung

Zuletzt bearbeitet: 09.10.2018

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