Coplas Sefardies

Die Coplas Sefardies von Alberto Hemsi

Erste CD-Einspielung vergessener Meisterwerke auf Ladino
Ein Kooperationsprojekt des EZJM und Kantor Assaf Levitin


„…  Ich stand an der Türschwelle einer wunderbaren Höhle, wie die von Ali Baba, die mir die Gelegenheit angeboten hat, alles was dort stand zu entdecken ... Ich habe mich nicht nur auf die Musik und die Poesie konzentriert, denn die Folklore eines Volkes ist eine ganze Welt, und ich war entschlossen, alles über die Folklore meines Volkes zu wissen”.
Alberto Hemsi, Coplas Sefardies, 1973

Ein halbes Jahrtausend lebten die sephardischen Juden im osmanischen Reich, im Balkan und im gesamten Mittelmeerraum, wo sich eine einzigartige musikalische Kultur des Ladino (Judeo-Spanisch, die Sprache der Sefardim) herausbildete. Unzählige Volkslieder, die von der Liebe, den jüdischen Feiertagen, von Volkserzählungen und verschiedenen Lebensereignissen handeln, wurden von Generation zur Generation weitergegeben. Bis zum Ersten Weltkrieg schien diese Kultur auf eine ununterbrochene Tradition zurückblicken zu können. Jedoch wurde diese nach dem Fall des osmanischen Reichs schnell vergessen. Zu eben jener Zeit schloss der junge jüdische Komponist Alberto Hemsi sein Kompositionsstudium in Mailand ab, welcher sich der Dokumentation der musikalischen Kultur der Sephardim widmete, und deren alte Melodien in seinen eigenen Kompositionen verarbeitete. Sein Opus Magnum sind die Coplas Sefardies, insgesamt 60 traditionelle Lieder mit besonders virtuoser Klavierbegleitung.

Bis heute gibt es keine Gesamtaufnahme der Coplas Sefardies. Dies hat sich der Sänger Assaf Levitin, Kantor der liberalen jüdischen Gemeinde in Hannover, dessen Masterarbeit von Alberto Hemsis liturgischer Musik handelt, vorgenommen. In Zusammenarbeit mit dem Europäischen Zentrum für Jüdische Musik erscheint zu Alberto Hemsis 120. Geburtsjubiläum im Jahr 2018 die erste CD aus der Gesamteinspielung. Zwei weitere CDs, die weitere liturgische Werke des Komponisten beinhalten, werden folgen.


Die Künstler:

KANTOR ASSAF LEVITIN, Gesang

Seit dem 01.12.2016 ist Assaf Levitin Kantor der Liberalen jüdischen Gemeinde Hannover K.d.ö.R. Der in Israel geborene Bassbariton ist sowohl als Konzert- und Opernsänger wie auch als Komponist, Arrangeur, Dirigent, Lehrer und Kantor tätig. Nach Abschluss seines Diplomstudiums an der HMT Saarbrücken führten ihn Engagements nach Zürich, Basel, Bonn, an die Deutsche Staatsoper Berlin, nach Mannheim und Dortmund (Ensemblemitglied  2002–2005) mit Opernpartien wie Mozarts Figaro, Colline, Gremin und  Masetto.

2016 absolvierte er das Kantorenseminar am Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam. Seine Masterarbeit, die er über die liturgische Musik von Alberto Hemsi schrieb, wird im Verlag der Universität Weimar veröffentlicht. Im Rahmen seiner Ausbildung gestaltete er verschiedene Konzerte und Liturgien – als Sänger wie auch als Kantor – in Berlin, Paris, Warschau, Breslau, Kiew, Basel, Schwerin, Rostock und in vielen anderen Gemeinden. Seit 2014 tritt er im Rahmen des Kulturprogramms des Zentralrats der Juden in Deutschland mit dem von ihm gegründeten Ensemble Die Drei Kantoren auf, dessen zweite CD kürzlich erschienen ist.

Seine Aufnahme des Mainzer Nussach (Mainz, 2004) gilt bei Experten als eine Referenzaufnahme des süddeutschen Nussachs und wird in Fachkreisen immer wieder zitiert. Andere CD-Aufnahmen präsentieren Werke von jüdischen und israelischen Komponisten wie Arnold Schönberg und Noa Blass sowie klassische und zeitgenössische Musik. 2016 tourte er mit dem Projekt Mekomot (Orte) durch alte Synagogen in Deutschland und Polen und hat neben klassischer Chazzanut fünf Uraufführungen präsentiert.

NAAMAN WAGNER, Pianist

Der israelische Pianist wurde 1984 geboren. Seit 1998 gibt er Konzerte als Solopianist sowie mit verschiedenen Kammermusik-Ensembles in Europa und Israel. So trat er als Solist mit dem Jerusalem Symphony Orchestra und als Improvisator beim Israel Philharmonic Orchestra auf. Seit 2000 spielt er beim jährlich stattfindenden Kfar Blum Festival und hatte außerdem Auftritte beim Israel Festival (2005) und Abu Gosh Festival (2005 und 2008).

Er besuchte Meisterklassen beim Goslar Festival in Deutschland (2006 und 2007), in Perugia (Italien), wo er 2007 mit dem Perugia Symphony Orchestra auftrat, sowie 2008 in Tel Hai (Israel), wo er bei Dimitri Bashkirov studierte.

2006 schloss er an der Jerusalem Music Academy den Studiengang Dirigieren bei Prof. Evgeny Zirlin und 2008 sein Klavierstudium bei Prof. Eitan Globerson mit dem Bachelor of Music ab. Während seines Studiums gewann er mehrere Preise für Solo- und Kammermusikauftritte. Seitdem hat er sein Studium in Deutschland fortgesetzt. Im Juni 2011 hat er sein Diplom bei Professor Arie Vardi an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover absolviert.

Von 2001 bis 2008 wurde Naaman Wagner von der Israel American Culture Foundation mit alljährlichen Stipendien für Komposition und für Klavier ausgezeichnet. Heute lebt er in Berlin, spielt im Calaf Trio und tritt auch in Israel als Solist und Kammermusiker regelmäßig auf, unter anderem mit den Israel Contemporary Players unter der Leitung von Zsolt Nagy.

(Text: Assaf Levitin)

 

Projektarbeit Studierender der HMTMH

Die folgenden Texte zu den Coplas Sefardies von Alberto Hemsi entstanden im Rahmen eines Projektseminars an der HMTMH:

„Musikwissenschaft und Musikvermittlung: Projektseminar mit praktischen Übungen“ (Wintersemester 2017/18),
Leitung: Prof. Dr. Sarah M. Ross, Prof. Dr. Stefan Weiss.

An den Texten mitgewirkt haben: En-Jou Chen, Paloma León-Villagrá, Joschka Merhof, Michael Stach, Marie Stiller, Chang Wang, Laura Willenbrock, Siri Yu, Ruishi Zheng.

Zu den Coplas Sefardies: Einleitung

Das Festhalten musikalischer Zeugnisse geschieht heutzutage so gut wie von selbst. Die meisten Menschen können über digitale Streamingdienste auf eine große Bandbreite unterschiedlicher Musikstile zugreifen. Alberto Hemsi, seines Zeichens Komponist und Musikethnologe, sah sich in dieser Hinsicht deutlich größeren Schwierigkeiten entgegengestellt. Es war nur begrenzt möglich, auf Medien zuzugreifen; Papier, Schallplatten und Co konnte man nur aus einem kleineren Sortiment und zu hohen Preisen erwerben.

Dieser Umstand hinderte Hemsi jedoch nicht an der Dokumentation und Rekonstruktion jenes raren Liedschatzes, dem sich Assaf Levitin und Naaman Wagner in ihrer CD-Reihe widmen. Was aber trieb ihn an? Welchen Mehrwert sah Hemsi in seiner Arbeit? Um dies nachvollziehen zu können, ist es zunächst wichtig, sich mit dem Begriff der Tradition auseinanderzusetzen.

Die Erinnerung erhält Traditionen lebendig und öffnet unseren Blick für das Verständnis der Vergangenheit und ihre Bedeutung für das Hier und Jetzt sowie die Zukunft. Traditionen prägen Kulturen und sind – von Generation zu Generation weitergegeben – Erinnerung nicht nur an Erlebtes, sondern auch Sinnbild der Zugehörigkeit des Individuums zu einer Gemeinschaft ohne räumliche oder zeitliche Begrenzung. Ihr Verlust ist umso schmerzhafter, wenn Erinnerungen verblassen und das Verständnis verloren geht.

Das Bewahren von überliefertem Wissen, von dem eine Kultur auszeichnenden Lebensgefühl, findet besonderen Ausdruck in der Musik.

Die von dem Musikethnologen, leidenschaftlichem Sammler, Kantor und Komponisten Alberto Hemsi zusammengetragenen, 1932 erstmals veröffentlichten Coplas Sefardies ermöglichen einen eindrucksvollen Einblick in die Volksweisen der sephardischen Juden.

Unter dem Begriff der Volksmusik verstand Hemsi dabei nicht allein ein tradiertes Liedgut, sondern vielmehr den Ausdruck der Gemeinsamkeiten, die die Menschen über geographische oder sprachliche Grenzen hinaus verbinden: Musik als Medium der Heimat. Erfahrungen, Traditionen und Geschichten werden so ausgetauscht und geteilt.

Ursprünglich hatten die sephardischen Juden auf der iberischen Halbinsel gelebt (Spanien, Portugal). In Abgrenzung zu ihnen spricht man von aschkenasischen Juden, die eher im mittel-, nord- und osteuropäischen Raum ansässig sind, sowie von den Mizrachim, den Juden im Mittleren Osten (wie im Jemen oder in Syrien etc.). Dabei handelt es sich nicht um eine konfessionelle Trennung in Fragen der religiösen Zugehörigkeit, sondern um die Herausbildung unterschiedlicher Traditionen, die in der jüdischen Geschichte der Wanderung, Vertreibung und diasporischen Lebensweise der jüdischen Bevölkerung seit dem Ende der Antike begründet liegt (Bossong, S.8). Die Wurzeln des Sephardentums liegen in Spanien, wo sich seit dem 1. Jahrhundert d. Z. Juden niedergelassen hatten. Die Bezeichnung „Sepharad“ stammt aus dem Mittelalter und ist eine willkürliche Verbindung eines biblischen Namens mit Andalusien und später der gesamten Iberischen Halbinsel (Ray, S. 439).

Der sephardische Begriff ist also nicht nur eine territoriale Zuschreibung, sondern beinhaltet einen kulturellen Reichtum, der die Leistungen von weltlichem und religiösem Wissen auf besondere Weise verbindet.

Vor allem die vom christlich geprägten Königreich verordneten Vertreibungen 1492 (Spanien) und 1497 (Portugal) verursachten massive Migrationsströme sephardischer Juden. Viele Sepharden ließen sich zunächst in Südfrankreich und dem südlichen und östlichen Mittelmeerraum nieder. Später, im Verlauf des 16. Jahrhunderts, folgten Amerika, Italien, die Niederlande, Deutschland, der Balkan und Anatolien. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts fand auch in England eine Ansiedlung von Juden statt.

Nach und nach bildeten die sephardischen Juden im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts eine gemeinschaftliche Kultur heraus, die durch Einfluss der jeweiligen Umgebungskulturen (bereits ansässige Juden, aber auch Christen und Muslime) unterschiedliche sephardische Traditionen hervorbrachte (vgl. Ray 2014, S.439 – 447).

Alberto Hemsi

Alberto Hemsi (geb. 27.6.1898 in Kasaba, gest. am 08.10.1975 in Aubervilliers) war ein jüdisch-sephardischer Musikethnologe, Kantor und Komponist.

Als Teenager (vermutlich um 1908) erlernte er bei seinem Onkel in Izmir das Spiel auf der Flöte, der Klarinette, der Posaune und dem Klavier. Seine Leidenschaft für das Klavier führte ihn im Alter von 16 Jahren (1) an die Giuseppe Verdi Academy in Mailand, an der er sein Musikstudium aufnahm. Er studierte unter anderem bei dem gefeierten Professor Giusto Zampieri, der den Schwerpunkt seiner Vorlesungen auf den historischen Überblick unterschiedlicher Musiktraditionen legte. Als er auf Wunsch Hemsis über die jüdische Musiktradition lehrte, bemerkte Zampieri abschließend, dass es ihm nicht möglich sei, jüdische Melodien vorzuspielen, da diese in Vergessenheit geraten seien und schlichtweg nicht mehr existierten. „Welch tiefgreifende Enttäuschung! Tiefgreifend!“ (Seroussi 1995, S.24), so Hemsi wörtlich.

Nicht zuletzt war eine Begegnung mit seiner Großmutter ausschlaggebend für die Verve Hemsis:
„Als ich nach sieben Jahren wieder [aus Mailand] zurückkam, ging ich meine Großmutter mütterlicherseits besuchen, und um ihrer Freude über das Wiedersehen Ausdruck zu verleihen sang sie mir zwei alte romances, die wir von zu Hause gekannt hatten. Diese zwei Lieder bewegten mich und erweckten so meine Neugier, dass ich andere kennenlernen wollte, sogar um den Preis, ein heimatloser Wanderer zu werden, so eifrig war ich, eine Welt zu erkunden, die ich vor meinem Abschied kaum wahrgenommen hatte... eine Welt, deren Geschichte, poetischer Reichtum und Vielfalt an Melodien sie zu so einem verzaubernden literarischen und musikalischen Phänomen machen.“ (Kremer 2016, S. 199)

Diese Impulse weckten in Hemsi das Bedürfnis, diejenigen Melodien niederzuschreiben, die dazu neigten vergessen zu werden. „Heute herrscht mehr denn je Einigkeit über den zwingenden und kategorisch notwendigen Bedarf, hunderte religiöse Lieder zu sammeln und zu veröffentlichen“ (Seroussi 1995, S.24), so Hemsi. 

Im Jahre 1917 ereilte Hemsi ein Schicksalsschlag in Form mehrerer Kriegsverletzungen an seinem rechten Arm, die ihn dazu zwangen, seine Karriere als Pianist zu beenden. Obgleich die Verletzungen die Aussicht auf eine musikalische Laufbahn beendeten, schloss er nach dem Krieg erfolgreich sein Studium im Bereich Komposition, Harmonielehre, Kontrapunkt und Klavier ab (vgl. Levitin 2016, S.12ff.).

Die intensiven Erfahrungen, die er während der Vorlesungen bei Professor Zampieri machte, trieben ihn dazu, im Jahre 1920 Feldstudien in der Türkei durchzuführen, wobei eine systematische Vorgehensweise erst 1923 in Rhodos stattfand.

Hier, in Rhodos, gab Hemsi Klavier-, Harmonie- sowie Kompositionsunterricht und arbeitete als Dolmetscher beim italienischen Konsulat. Während seines Aufenthaltes bis 1930 ging er seinem Vorhaben nach, die liturgische Musik der Sephardim niederzuschreiben und zu modernisieren, indem er die Melodien für Solostimme, Chor und Instrumente arrangierte. Er transkribierte sie dabei immer mit Stift und Notenpapier, was viele seiner Kontakte amüsierte, waren sie doch mit der Tradition westlicher Musiknotation nicht vertraut (vgl. ebd. S.14f.).

Durch seinen exzellenten Klavierunterricht und zahlreiche Publikationen machte sich Hemsi in Rhodos einen Namen und vermählte sich 1930 mit Myriam Cappelluto.

Gemeinsam zog das frisch vermählte Paar nach Alexandria, eine Stadt, in der sich in der Zeit um 1930 eine musikalische Debatte zwischen reformierten und traditionellen Musikern zutrug. Hemsi spielte eine prominente Rolle im damaligen Musikleben Ägyptens. 1932 nahm er an einer Konferenz zu arabischer Musik in Kairo teil, zu der bedeutende Komponisten wie etwa Paul Hindemith und Béla Bartók, aber auch Personen wie Erich von Hornbostel, einer der Gründungsväter der Vergleichenden Musikwissenschaft (heute Musikethnologie) eingeladen wurden.

Hemsi selbst, der der reformierten Strömung angehörte, harmonisierte liturgische Melodien und veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und Artikel, so z. B. in der Zeitung „Reform and L’aurore“. Zudem wurde er als Professor für Musiktheorie und Chorleitung am Konservatorium in Alexandria berufen. Seit 1932 besuchte er zahlreiche Länder mit dem Anliegen, Spuren sephardischer Musikkultur zu finden. Innerhalb von fünf Jahren sammelte er 347 Lieder und Gedichte mit 66 verschiedenen Melodien. Er gründete schließlich den Musikverlag „Edition orientale de musique“ und baute gute Beziehungen zu israelischen Komponisten, wie beispielsweise Paul Ben Haim, auf (vgl. ebd. S.15f.).

Nach den schwierigen Kriegsjahren zwischen 1941 und 1945 sowie der politisch instabilen Lage in den folgenden Jahren in Ägypten zog Hemsis Familie nach Paris. Ein weiterer Schicksalsschlag, hatte er in Ägypten doch einen derart guten Ruf genossen. Dennoch fing er von neuem an und erlangte  schnell die Position des musikalischen Direktors der beiden sephardischen Synagogen „Brith Shalom“ und „Don Isaac Abarvanel“.

Der in den Kriegsjahren festgestellte Diabetes machte das Reisen für Hemsi in seinen letzten Jahren immer schwieriger. 1973 veröffentlichte er seine zehnte und letzte Ausgabe der Coplas. 1975 stellten Ärzte fest, dass Hemsi an Lungenkrebs erkrankt war. Trotz seiner immer schlechter werdenden körperlichen Verfassung  arbeitete er weiterhin an seinen Kompositionen und dirigierte seinen Chor. Am 8. Oktober 1975 verstarb Hemsi in Aubervilliers (vgl. ebd. S.16ff.).

Die Sammlung Coplas Sefardies (1932–1973) besteht aus zehn Heften mit insgesamt 60 Stücken für Gesang und Klavier auf der Grundlage sephardischer Lieder, die Hemsi auf seinen ethnographischen Expeditionen in der Türkei (in Anatolien, Smyrna und Istanbul), auf der Insel Rhodos und in Saloniki gesammelt hatte. In dieser Sammlung verarbeitete er das traditionelle Material auf eine höchst originelle Weise.

Was sind Coplas Sefardies?

Die Coplas Sefardies sind Volkslieder der sephardischen Juden und ihrer Nachfahren. Es handelt sich bei ihnen um strophische Lieder mit gereimtem Prosa-Text, die sich von anderen sephardischen Liedformen – den Romances, Cantigas und Oraciones – durch ihre Geschichte, Verwendung und Thematik unterscheiden. Die Klassifikation der Lieder wurde 1995 von dem israelischen Musikethnologen Edwin Seroussi im „Cancionero Sefardi“ veröffentlicht.

Die Romance ist eine epische Poesie – meist handelt sie von den Abenteuern des spanischen Adels. Sie erzählt Heldengeschichten von Liebe, Eifersucht oder Untreue. Dagegen verarbeiten die Cantigas entscheidende Ereignisse des täglichen Lebens – Geburten, Hochzeiten und Todesfälle gleichermaßen. Oraciones sind Lieder religiöser Natur, die traditionell von Männern dargeboten wurden.

Das Genre der Coplas ist mit der jüdischen Geschichte eng verknüpft. Oft führte man eine Copla im festlichen Rahmen oder als biblische Erzählung auf (vgl. Roda 2007, S.48-52).

Die Form der Copla ist eine traditionelle strophische Form spanischen Ursprungs, die typischerweise als Text von Volksliedern dient.  Ihr Name kommt aus dem Lateinischen („copula“ bedeutet „Einheit“ oder „Verbindung“). Sie besteht meist aus vier Versen zu je acht Silben. Der zweite und der vierte Vers bilden dabei einen assonanten Halbreim. Bei diesem Reim weisen zwei Worte an einer Stelle den gleichen Vokal bzw. Laut auf.

Die Ursprünge der Copla sind nicht gänzlich bekannt: Sie entstand, so wird vermutet, aus mittelalterlicher Poesie und Gesängen, wurde aber erst ab dem 18. Jahrhundert in heutiger Form aufgezeichnet.

Bereits im Mittelalter trugen jüdische Schriftsteller*innen hebräische Texte zur spanischen Poesie bei, die möglicherweise als Vorgänger dienten, doch erst ab dem 18. Jahrhundert wurden sephardische Copla-Gesänge aufgezeichnet (z. B. die Cantiga nueva de Purím 1782 (vgl. Bürki 2014, S. 116 und Romero 2014, S. 345). Allerdings wird vermutet, dass mindestens schon im 17. Jahrhundert neue sephardische Coplas entstanden (vgl. Lehmann 2018, S. 265) und die vokale Praxis seit 1492 bis zur ersten Aufzeichnung ununterbrochen gegeben war  (vgl. ebd., S. 265).

Oft werden in einer Copla Traditionen und Geschichten, teils auch historische Ereignisse nacherzählt. Diese können sowohl dramatisch als auch komisch gestaltet sein. So formen sie einen wesentlichen Bestandteil des populären Liedschatzes im sephardischen Judentum wie auch in Lateinamerika und Spanien, wobei die Form jeweils sehr individuell an die eigenen musikalischen und textlichen Neigungen und Bräuche angepasst wurde.

Nicht zuletzt liegt ihre Beliebtheit und Vielfalt an der häufig einfachen, informellen oder teils sogar zweideutig-komischen Sprache. Oft werden sephardische Coplas schriftlich tradiert (vgl. Romero 1995, S. 343), individuell gestaltet und entwickelt, es gibt aber auch solche, die bis zu Hemsis Aufzeichnung nur mündlich existierten.

1492, als die sephardischen Juden aus Spanien vertrieben wurden (bzw. bis 1497 aus Portugal), nahmen sie mit den Coplas einen Bestandteil ihrer Tradition und Kultur mit – nicht zuletzt, da diese (durch ihren pädagogischen oder auch balladenhaften Charakter) oft von der eigenen Liturgie und Bräuchen erzählen. Noch heute ist diese Form unter ihren Nachfahren präsent – unter anderem in der Türkei, in Nordwestafrika, Südfrankreich und Italien. Je nach der Kultur des Landes, in dem sich die vertriebenen Sephardim ansiedelten, wurden die Motive, Geschichten und musikalischen Elemente immer weiter entwickelt.

Die Coplas bildeten sich aus der spanischen Prägung heraus früh zu einer individuellen, reichhaltigen Kunstform, die die eigene Kultur repräsentierte und aus der sephardischen Lebenswelt Inspiration schöpfte (vgl. ebd., S. 344).

Sie wurden auf Ladino dargeboten – der Sprache der Sephardim, die sich unter anderem aus altspanischen, türkischen, arabischen, armenischen und französischen Elementen zusammensetzt. Aufgrund der Seltenheit des Ladino entschied Alberto Hemsi sich für eine Aufzeichnung in Lautschrift als Hilfestellung für den Vortrag der Lieder. So können auch Interpreten, die diese romanische Sprache nicht beherrschen, die Texte überzeugend vermitteln.

Hemsis Aufzeichnung der Coplas sefardies war wichtig, da bis dahin nicht bekannt war, wie sehr sich die alten poetischen Formen spanischen Ursprungs erhalten und reichhaltig weiterentwickelt hatten. Bis in die Gegenwart werden sephardische Coplas geschrieben und aufgeführt, darunter auch zionistische Coplas (Zionidas) und Coplas im Gedenken an den Holocaust (vgl. Schwarzwald 2002, S. 587) – ein Beweis der zentralen Position in der sephardischen Musikkultur bis zum heutigen Tage und das Zeugnis eines Genres, dessen Geschichte wahrscheinlich mehr als fünf Jahrhunderte ununterbrochener musikalischer Praxis umfasst.

Anmerkungen

(1) Alberto Hemsi musste 18 Jahre alt sein, um sich an der Musikakademie einschreiben zu lassen. Er hat allem Anschein nach sein Geburtsdatum falsch angegeben, womit die unterschiedlichen Altersangaben zu erklären sind.

Bibliographie

Kremer, Jonas: „Alberto Hemsi und die sephardische Folklore“, in: Klokova, Antonina und Nemtsov, Jascha (Hrsg.), Einbahnstraße oder „die heilige Brücke“? Jüdische Musik und europäische Musikkultur. Wiesbaden , Harrassowitz Verlag, 2016, S. 199.

Lehmann, Matthias: „Linguistic Transformations. Ladino (judeo-spanish)“, in: Karp, Jonathan und Sutcliffe, Adam (Hrsg.), The Cambridge History of Judaism. Volume VII: The early modern World, 1500 – 1815. Cambridge, Cambridge University Press, 2018. S. 257–273.

Levitin, Assaf: „Alberto Hemsi’s liturgical music – Analysis of a musical documentation of sephardi nussach“. Paderborn, 2016.

Ray, Jonathan: „Sepharad“, in: Diner, Dan (Hrsg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Stuttgart, J. B. Metzler, Band 5, 2014, S. 439–447.

Roda, Jessica: „Alberto Hemsi et les Coplas Sefardies. Analyse musicologique d’une oeuvre inspirée de la musique judéo-espagnole“, Masterarbeit an der Université Paris-Sorbonne, (unveröffentlicht) 2007.

Romero, Elena: „Las coplas sefardíes novísimas de Purim: temas y tópicos“, in: Bürki, Yvette und Romero, Elena (Hrsg.), La lengua sefardí. Aspectos lingüísticos, literarios y culturales. Berlin, Frank und Timme, 2014, S. 151–194.

Romero, Elena: „Coplas: Introduction by Elena Romero“, in: Seroussi, Edwin (Hrsg.), Alberto Hemsi. Cancionero sefardí. Jerusalem, The Jewish Music Research Centre, The Hebrew University of Jerusalem, 1995, S. 343–348.

Seroussi, Edwin: „The history and conception of Hemsi’s Cancionero Sefardi and Sepharad“, in: Seroussi, Edwin (Hrsg.), Cancionero sefardí. Jerusalem, Kesset Publications, 1995, S. 23-38.

Schippers, Huib: „Sound futures – Exploring the ecology of music sustainability“, in: Schippers, Huib & Grant, Catherine (Hrsg.), Sustainable futures for music cultures. Oxford, Oxford University Press, 2016, S. 1–17.

Schwarzwarld, Ora Rodrigue: „Judaeo-Spanish Studies“, in: Goodman, Martin (Hrsg.), The Oxford Handbook of Jewish Studies. Oxford, Oxford University Press, 2002, S. 572–599.

 

Ansprechpartnerin

Prof. Dr. Sarah M. Ross
Direktorin des EZJM
T. +49-(0)511-3100-7120
E-Mail: Prof. Dr. Sarah M. Ross

Angaben zur CD

Alberto Hemsi:
Coplas Sefardies
Chansons judéo-espagnoles
Vol. 1

Assaf Levitin, Bariton
Naaman Wagner, Klavier

Booklet: Deutsch, Englisch
Gesamtspielzeit: 73:37

Bestellnummer: CD ROP6155
EAN Code: 4037408061551
Rondeau Production 2018

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Flyer zur CD-Premiere

Youtube-Video zu Alberto Hemsi

Das Institut Européen des Musiques Juives, Paris, stellt Alberto Hemsi in einem Video mit deutschsprachigen Untertiteln vor (Youtube-Link).

Zuletzt bearbeitet: 20.09.2018

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