Sammlung Oberkantor Nathan Saretzki

Sammlung Oberkantor Nathan Saretzki

Zur Person Nathan Saretzki

Oberkantor Nathan Saretzki (11. März 1887, Hohensalza, heute: Inowroclaw – 12. Oktober 1944, Auschwitz) war Tenor, Religionslehrer und letzter Oberkantor der liberalen Hauptsynagoge in Frankfurt. Er war verheiratet mit Emmy Ullmann (1890 – 1944) und hatte einen Sohn, Edgar (*1922).

1939 gelingt dem 16 Jahre alten Sohn Edgar Saretzki die Flucht nach Großbritannien. Emmy und Nathan Saretzki, der zuletzt auch Zwangsarbeit verrichten musste, werden im August 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Am 9. Oktober 1944 wird das Ehepaar Saretzki von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort am 12. Oktober 1944 ermordet.

Zur Sammlung Nathan Saretzki

aus: Martha Stellmacher: „Orgel ad libitum“. Hannover, 2015 (teilweise leicht bearbeitet)

Bei den Noten handelt es sich vorwiegend um Notendrucke, die zwischen etwa 1880 und 1933 erschienen. Es sind zudem drei handschriftliche Bände enthalten: ein Notenband von Hirsch Weintraub sowie zwei Orgelbücher zum Versöhnungstag.

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Die Sammlung ist eine möglicherweise eher willkürliche Zusammenstellung von Noten, die Nathan Saretzki 1938 hatte retten können. Dass einige der Bände häufig verwendet wurden, ist an den Abnutzungsspuren und handschriftlichen Eintragungen zu erkennen.

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Zwei Überlegungen mögen veranschaulichen, welche musikwissenschaftliche Bedeutung die vorliegenden Noten für die Erforschung jüdisch-sakraler Musik um 1900 haben könnten:

Da Saretzki in lebensbedrohlicher Eile war, ist zu vermuten, dass er die Bände nicht mühsam zusammensuchte, sondern so griff, wie sie beieinander standen – möglicherweise also eine Art Handapparat. Hiervon ausgehend ließe diese Zusammenstellung Rückschlüsse zu, welche Literatur im Gottesdienst jener Zeit (in der Frankfurter Hauptsynagoge) besonders häufig verwendet wurde.

Die Noten sind Gebrauchsliteratur, und so finden sich in zahlreichen Bänden Eintragungen, die Hinweise gebe zum Beispiel auf die damals übliche Einbindung der Musik in den Gottesdienst oder die Verwendung von Orgelregistern.

Aus den Bänden der „Sammlung Oberkantor Nathan Saretzki“ lässt sich wohl keine allgemeine Aussage über die synagogale Musikpraxis der Jahrhundertwende ableiten. Indem jedoch ein Großteil der Noten des täglichen Musiklebens in den Synagogen verbrannte, darf jeder erhaltenen Bald als ein Zeitzeuge gelten.

Technische Daten der Sammlung

Umfang: 6 Notenbände

Zeitspanne: 1880 bis ca. 1933

Sprachen: Deutsch, Hebräisch

Sammler: Nathan Saretzki

Inhalt der Sammlung: Die Sammlung besteht aus 16 Notenbänden mit synagogaler Musik

Eine detailliertere Übersicht der Sammlung finden Sie hier.

Der Weg der „Sammlung Oberkantor Nathan Saretzki“ nach Hannover

Frankfurt – Wiesbaden - Hannover

Als am 10. November 1938 die Frankfurter Hauptsynagoge brennt, ist Oberkantor Nathan Saretzki mit seinem Sohn Edgar vor Ort. Mehrmals wagt er sich in die brennende Synagoge und rettet insgesamt 16 Notenbände.

Vor seiner Deportation vertraut Nathan Saretzki die Bände Hermann Baumeister an. Dieser war Sohn der katholischen Haushälterin Hermine Baumeister, die seit 1934 bei der Familie Saretzki angestellt war. Frau Baumeister transportiert die Notenbände nachts mit einem Leiterwagen zu sich nach Hause und setzt damit ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Als 1943 die Bombardierungen in Frankfurt einsetzten, bringt Familie Baumeister einen Teil ihres Besitzes mitsamt der liturgischen Bänden in einem oberhessischen Dorf in Sicherheit. Nach 1945 bewahrt Hermann Baumeister, der mittlerweile in Wiesbaden wohnt, die Noten über Jahrzehnte hinweg in seinem Keller auf.

1997 hält Edgar Sarton-Saretzki, der Sohn von Nathan Saretzki, einen Vortrag in Frankfurt. Hermann erfährt davon und meldet sich bei Edgar. Beim ersten gemeinsamen Treffen der beiden gibt Hermann die Noten des Oberkantoren an dessen Sohn zurück.

Dieser beschließt später, die Noten dem Europäische Zentrum für Jüdische Musik in Hannover zu schenken. Am 26. Januar 1998 überreicht Edgar Sarton-Saretzki die“Sammlung Oberkantor Nathan Saretzki“ dem EZJM.

 

Weiterführende Literatur:

Martha Stellmacher unter Mitarbeit von Barbara Burghardt:
„Orgel ad libitum“: Einblicke in die Musik der Reformsynagogen am Beispiel der „Sammlung Oberkantor Nathan Saretzki“.
Hannover : Wehrhahn, 2015.
ISBN 978-3-86525-428-3
(Nachweis im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek)

 

Zuletzt bearbeitet: 11.04.2022

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