März 2014

Buch des Monats März 2014

Nachdem seit der Vertreibung der Juden aus München Mitte des 15. Jahrhunderts fast 300 Jahre lang keine Juden in der Stadt ansässig waren, wurde 1815 die Israelitische Kultusgemeinde neu gegründet. 1826 wurde die erste neuzeitliche Synagoge Münchens errichtet, in der auch der Ritus modernisiert und geordnet werden sollte. Der Gemeindevorstand setzte dazu ein Komitee ein, dessen Aufgabe es war, einen Chor zu organisieren und die Musik des Gottesdienstes zu erneuern. Mit der Gründung des Chores bezweckte man einerseits die Verschönerung des Gottesdienstes und andererseits eine bessere Strukturierung des Gemeindegesangs, wie im Vorwort des vorliegenden Notenbands dargestellt wird:

Die Aufgabe [des Chores] ist eine doppelte, erstens durch erhebenden Chorgesang zur Verherrlichung des Gottesdienstes beizutragen und zweitens in den der Gemeinde zustehenden Responsorien dieselbe zu vertreten, oder vielmehr ihr zum Anhaltspunkte zu dienen, indem diese Responsorien vom Chor in Ton und Zeit gehörig angestimmt werden, welcher Intonation die Gemeinde sich anschliesst. – Offenbar trägt letzteres viel zur Ordnung und zum kirchlichen Anstand bei, indem hierdurch dem sonst bei diesen Responsorien Statt findenden vorgreifenden und wirren Durcheinanderschreien vorgebeugt wird.

Mit der Gründung des Chors wurde der Religionslehrer und Schulleiter Maier Kohn (1802–1875) betraut, der 1832 einen Männer- und Knabenchor aus Gemeindemitgliedern zusammenstellte. Die musikalischen Kenntnisse Kohns waren wohl begrenzt, er nahm seine neue Aufgabe jedoch sehr ernst. Bei dem Hoforganisten und Komponisten Kaspar Ett erwarb Kohn musiktheoretische Kenntnisse. Ett trug auch wesentlich zur Harmonisierung der Melodien in den „Terzett- und Chorgesängen“ bei. Offenbar eignete sich Kohn die musikalischen und vorbeterischen Kenntnisse so gut an, dass er ab 1843 als zweiter Vorsänger der Münchner Gemeinde angestellt wurde.

In der Münchner Synagoge sang der Vorsänger mit zwei Begleitsängern im Terzett, für das in den Noten die Stimmbezeichnungen Tenor (Chasan), Bass I und Bass II angegeben sind. Abwechselnd mit dem Terzett sang der vierstimmige Chor von der Empore. Der Notenband enthält jedoch nicht nur Ensemble-Gesänge, sondern auch solistische Rezitative des Chasan, bei denen Kohn meist traditionelle süddeutsche Weisen wiedergibt. Auf diese antwortete in der Regel der Chor mit dem Ende des Verses oder mit Amen – das sind die Chorresponsorien zu den alten Gesangsweisen der Vorsänger, auf die im Titel hingewiesen wird.

Komponiert wurden die Stücke für die Münchner Synagoge u. a. von den Mitgliedern des Synagogen-Chor-Comités Isidor Neustätter und David Hessel (Sohn des Münchner Rabbiners) sowie von Maier Kohn selbst. Eine ganze Reihe von Vertonungen stammt aber auch von christlichen Komponisten wie dem Münchner Hofkapellmeister Joseph Hartmann Stuntz und vom Hoforganisten Kaspar Ett. Eine Komposition steuerte der junge Chorsänger Samuel Naumbourg bei, der später Kantor in Paris wurde und heute zu den bedeutendsten Synagogenkomponisten des 19. Jahrhunderts zählt.

Insgesamt besteht das Werk aus drei Lieferungen: Gesänge für Schabbat (1. Lieferung), für die drei Wallfahrtsfeste Pessach, Schavuot und Sukkot (2. Lieferung) und für die hohen Feiertage, Purim, weitere Feiertage u. a. (3. Lieferung). Allein der in der Bibliothek des EZJM vorhandene Band der dritten Lieferung umfasst 95 Nummern. Neben den Gebeten für die religiösen Feiertage enthält er Gebete zu weltlichen Anlässen – Zum Geburtsfeste des Landesfürsten und für die Landestrauer.

Eine Besonderheit des Bandes ist die Schreibweise der Gebetstexte unter den Noten, denn sie sind sowohl in hebräischer Quadratschrift als auch in lateinischer Umschrift angegeben. Da Noten bekanntlich von links nach rechts geschrieben werden, Hebräisch aber von rechts nach links, ergibt sich ein Konflikt in der Lesrichtung. Gelöst wird er hier genauso, wie es auch heute in israelischen Notenausgaben üblich ist. Der hebräische Text unter den Noten läuft silbenweise von links nach rechts, jede Silbe in sich wird jedoch von rechts nach links gelesen.

Martha Stellmacher

Quellen:
Aron Friedmann: Lebensbilder berühmter Kantoren, Bd. 2, Berlin 1918,
S. 43–47.
Abraham Zvi Idelsohn: Jewish Music, New York 1967, S. 260–262.

 

 

Bibliographische Angaben

Vollständiger Jahrgang von Terzett- und Chorgesängen der Synagoge in München nebst sämmtlichen Chorresponsorien zu den alten Gesangsweisen der Vorsänger (חזנות) herausgegeben von dem Synagogen-Chor-Comité in München, in dessen Auftrag besorgt und redigirt von Maier Kohn. Dritte Lieferung, Johann Palm’sche Hofbuchhandlung in München [1839].

Signatur in der EZJM-Bibliothek:
2866 Rara

Zuletzt bearbeitet: 09.02.2016

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