Januar 2014

Buch des Monats Januar 2014

Arnold Schönberg (1874 – 1951), Begründer der Zwölftonmusik, wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie auf. 1898 ließ er sich taufen; nachdem er 1933 Deutschland mit seiner Familie verlassen musste, rekonvertierte er zum Judentum und widmete sich von da an intensiv der „Errettung des Judentums“1.

Kurz vor seinem Tod am 13. Juli 1951 in Los Angeles arbeitete Schönberg an drei Werken mit religiösem Inhalt, die alle unvollendet blieben. Neben der Kantate ‚Die Jakobsleiter’ und der Oper ‚Moses und Aron’ widmete er sich dem Zyklus Moderne Psalmen. Von den 18 Psalmen, die er selbst verfasst hatte, gelang es Schönberg nur noch, den ersten Psalm zu vertonen, an dem er – so liest man im Vorwort dieser Ausgabe – „fast bis zur letzten Stunde“ gearbeitet habe. Das Werk für 6-stimmigen Chor, Sprecher und Orchester besteht aus 86 Takten; der letzte Absatz des Psalmtextes blieb unvertont.

Die drei Bände dieser von Schönbergs Frau Gertrud herausgegebenen Edition bestehen aus der Partitur des Werkes, dem Notenfaksimile sowie einem Band mit Kompositionsskizzen und den gesamten Psalmtexten, die ebenfalls als Faksimile in der Handschrift des Komponisten abgebildet sind.

Die Partitur des ersten Psalms wurde nach den hinterlassenen Skizzen Schönbergs von dessen Schüler und Schwager Rudolf Kolisch (1896 – 1978) herausgegeben, der auch das Vorwort zu dieser Ausgabe schrieb. Nach dem letzten Takt des Werkes – einem Sopraneinwurf mit dem Text „und trotzdem bete ich“ – bleibt ein weiterer leerer Takt, an dessen Ende der Taktstrich fehlt: in diesem (möglicherweise zufälligen) Detail scheint sich die Unvollendung des Werkes zu verbildlichen. Noch eindringlicher ist die Widmung, die Gertrud Schönberg, die Frau des Komponisten, dem Textfaksimileband voranstellt: „Diese Psalmen gebe ich denen, die hassen und lieben, verzweifeln und hoffen, verfluchen und beten. Denen, die diese Seele verstehen werden, weil sie selbst eine besitzen.“ Tatsächlich handelt es sich bei den Psalmen um intensive Texte, die sich anfangs zwischen Verbitterung und Anklage der (materialistischen) Welt einerseits und tiefem Glauben und Gottvertrauen andererseits bewegen und später in grübelnde und teilweise irritierende Auseinandersetzungen über Liebe, Glauben, Gebet und Religion übergehen. In einem Brief an Oskar Adler schrieb Schönberg am 23. April 1951 über diese Texte, es seien „Psalmen, Gebete und andere Gespräche mit und über Gott“2. Die Faksimiles, die jeweils neben den Texten abgedruckt sind, lassen erkennen, wie intensiv Schönberg sich mit seinen Formulierungen auseinandergesetzt hat. Ähnlich deutlich wird die Arbeitsweise des Komponisten bei den Skizzen zu der Vertonung des ersten Psalms, die diesem Band vorangestellt sind; hier zeigt sich die für die Zwölftonmusik typische Arbeit mit der Zwölftonreihe und den entsprechenden Ableitungen.

Notenfaksimile, Handschrift, der gesamte Text der Psalmen und die transkribierte Partitur: es ist diese sorgfältige Zusammenstellung, die einem das letzte Werk des für das 20. Jahrhundert wegweisenden Komponisten näher bringt, und die neugierig macht auf die Vertonung des Werkes – die u. a. auf den Internetseiten des Schönberg-Archivs zu hören ist:
www.schoenberg.at/index.php

Barbara Burghardt

1 Zitat aus dem Beitrag „ Schönberg und das Judentum“ von Claudia Belemann. WDR, 8.11.2013

2 www.schoenberg.at/index.php. Abruf: 12.12.2013

 

Bibliographische Angaben

Schönberg, Arnold: Moderne Psalmen.
Hrsg. von Gertrud Schönberg.
Mainz: Schott, 1956. 3 Bände in Mappe (22, 29, 8 S.)

Signatur in der EZJM-Bibliothek:
C3 2 Schoe

Zuletzt bearbeitet: 09.02.2016

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