Dezember 2014

Biographie des Monats Dezember 2014: Arno Nadel

Arno Nadel (1878 – 1943): Komponist, Musikpublizist, Dichter, Maler – und Sammler jüdischer Musik. Seine Wohnung, so berichtet seine Tochter, „war ein Museum“. (1) Er sammelte Manuskripte von Synagogenkomponisten und „fast alle in Europa in den letzten hundert (2) Jahren veröffentlichten wesentlichen hebräischen Notendrucke“ (3), darunter das berühmte Hannoversche Kompendium. Anders gesagt: Wäre der Besitz von Arno Nadel erhalten geblieben – die jüdische Musikforschung hätte heute jenen Fundus, den sie nun mühsam Stück für Stück wieder aufzubauen sucht.

Geboren wurde Nadel am 3. Oktober 1878 in Wilna. Rückblickend schreibt er mit großer Begeisterung von dieser Stadt, die für ihn „eine heilige Judenstadt mit Hunderten von ‚Schulen’ [... war].“ (4) Weiter erinnert er sich daran, dass „in allen Synagogen ‚gelernt’ [wurde], das bedeutet: singend, klagend, disputierend, zankend, aber immer singend […]“. (5) Nadels musikalische Begabung wurde früh entdeckt. Als der Vater erblindete, musste der gerade 12jährige Arno alleine nach Königsberg gehen, wo er „Singerl im Chor des berühmten Königsberger Synagogenkantor E.[Eduard] Birnbaum“ (6) wurde. Fünf Jahre später ging Nadel an die Jüdische Lehrerbildungsanstalt in Berlin. Im Anschluss an die Ausbildung arbeitete er als Religionslehrer an Berliner Schulen und gab freiberuflich Privatunterricht für Musik, Kunst und Literatur. Um die Jahrhundertwende heiratete er Anna Beate Guhrauer; aus der Ehe stammen zwei Töchter. 1916 trat Nadel an der Jüdischen Gemeinde am Kottbusser Ufer eine Stelle als Chordirigent an, die er 22 Jahre lang innehaben sollte. 1938 wurde Arno Nadel für mehrere Wochen im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach seiner Rückkehr, so beschreibt es eine Bekannte, hatte er „seine joie de vivre“ verloren. (7) Zwar erhielt Nadel mit seiner Frau 1940 ein Affidavit für die USA, das sie aber – die Auswanderung wurde 1941 generell verboten – nicht mehr nutzen konnten. 1941 wurde die Familie in ein so genanntes Judenhaus umgesiedelt; zu dieser Zeit gab Nadel seinen Vorlass an Käthe Kollwitz, deren Haus jedoch 1943 vollständig zerstört wurde, wodurch auch ein Großteil von Nadels Sammlung vernichtet wurde. Ab August 1941 führte Nadel ein Tagebuch: 6 gebundene Hefte und zahlreiche Zettel entstanden mit präzisen, oft literarischen und dadurch umso eindringlicheren Notizen, die heute, teilweise transkribiert, in der Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt werden. 1942 wurde Nadel zur Zwangsarbeit in der Bibliothek des Reichssicherheitshauptamtes verpflichtet, in der die geraubte jüdische Literatur gesammelt wurde. 14 bis 16 Stunden am Tag musste er hier neben der Katalogisierung hebräischer Werke streckenweise körperliche Schwerstarbeit verrichten. Am 12. März 1943 erfolgte die Deportation nach Auschwitz, wo die Eheleute kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden.

Bereits mit dreizehn Jahren komponierte Arno Nadel „Bearbeitungen jüdischer Folklore“ (8), und einige seiner späteren Bearbeitungen wurden 1902 im Jüdischen Almanach veröffentlicht. Darüber hinaus komponierte Nadel zahlreiche Lieder und Gesänge, aber auch Instrumentalwerke wie die Zwischenaktsmusik zu Stefan Zweigs Jeremias. (9) Ebenso beeindruckend ist sein schriftstellerisches Schaffen: allein der Gedichtband Der Ton, 1914 bis 1916 entstanden, umfasst 2084 Gedichte (10). Als Künstler – Maler, Graphiker und Radierer – wurde den Werken des Autodidakten, dessen künstlerisches Schaffen sich vor allem auf religiöse Themen konzentrierte, eine Ähnlichkeit mit den Bildern Oskar Kokoschkas bescheinigt (11). Nadel, der zahlreiche Porträts gemalt hat, arbeitete unter anderem an dem Zyklus Vierzig Gestalten der Bibel, von denen er bis 1938 dreißig vollendet hatte. Seine Werke wurden bei Ausstellungen gezeigt (12), und Anfang der 1920er Jahre veröffentlichten mehrere Berliner Verlage in ihren Publikationen einige seine Bilder (13).
Als Musikpublizist veröffentlichte Nadel Aufsätze zu Musik, Musikkritiken und Lexikonbeiträge. Unter anderem stellte er die These auf, „daß es tatsächlich eine jüdische Musik gibt, und daß dies einzig die synagogale sei“. (14)

Zu all diesen Wirkungsbereichen Nadels gäbe es noch weitaus mehr zu berichten – das Hauptaugenmerk soll hier jedoch auf seine Bedeutung als Sammler jüdischer Musik gelenkt werden.

Nadel sorgte für die Sammlung althergebrachter Synagogenmelodien ebenso, wie für die Aufzeichnung jüdischer Volkslieder. So gab er 1917 die Jontefflieder heraus, eine Sammlung von Liedern zu den hohen Festen; sechs Jahre später erschienen Sammlungen jüdischer Volks- und Liebeslieder.

1922 erhielt Arno Nadel durch die Jüdische Gemeinde Berlin den Auftrag, ein Kompendium der Synagogalmusik zusammen zu tragen (15). Dieses Werk, das Kompendium Halleluja!, war auf sieben Bände angelegt. Anders als zu jener Zeit üblich wurden hier nicht nur die Reformkompositionen, sondern ebenso Melodien der ostjüdischen Kultur zusammen gestellt. (16) „Wird Nadel seinen Plan verwirklichen, so steht der Synagogalmusik ein Werk ohnegleichen zur Verfügung“ (17), meinte der Berliner Oberkantor Magnus Davidsohn zu diesem Vorhaben. 16 Jahre lang arbeitete Nadel an dem Kompendium; 1938 beendete er das Werk, das inzwischen mehrere 1000 Seiten umfasste (18). Zu dieser Zeit war ein Druck nicht mehr denkbar, und das Kompendium, von dem Nadel geschrieben hatte: „Wenn es mir gelingen sollte [...], wird wohl der Streit über jüdische Musik ein Ende haben“ (19), konnte nicht mehr veröffentlicht werden. Was in den Kriegszeiten mit dem Kompendium geschah, ist ungewiss: bis heute gibt es weder Spuren zur Vernichtung noch zum Erhalt dieses Werkes.

Ein herausragender Band aus Nadels privater Sammlung war das so genannte Hannoversche Kompendium aus dem Jahr 1744, das er 1938 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Musica Hebraica beschreibt. Die 302 oft instrumental anmutenden Melodien für Kantoren, die  wohl um 1700 entstanden, sind in großem Maße, so schreibt Nadel, „echte alte hebräische Weisen“. (20) Nicht nur, so überlegt er weiter, bieten diese Weisen ein „Bild vom Wesen der Vokalbegleitung, wie sie um 1700 [...] geübt worden ist [...].“ (21) Mehr noch: hier zeigen sich „ ‚Merkmale’ und ‚Charakter’ [...], nach denen man hebräische Musik als solche feststellen kann.“ (22) Bis ins 18. Jahrhundert gab es nur ausgesprochen wenige gedruckte Werke mit hebräischer Musik, und so wäre das Hannoversche Kompendium auch heute noch eine wertvolle Quelle. Doch für dieses Werk ist ebenfalls zu befürchten, dass es im Krieg vernichtet wurde.

Umso erfreulicher, dass die 1937 von Nadel herausgegebenen Häuslichen Sabbatgesänge gedruckt wurden und bis heute erhalten sind – so auch im Bestand des EZJM. Im Vorwort dieser Zusammenstellung jüdischer Musik schreibt Nadel, dies sei ein „Versuch [...], zu allen Semirot (23), die im Bereich des deutsch-polnischen Ritus heute gebräuchlich sind, Melodien mitzuteilen, [...] die musikalisch originell und wertvoll sind.“ (24) Die meisten der hier enthaltenen Melodien entstammen Nadels eigenem Archiv und, wie er sagt, dem „eigenen Gedächtnis, welches mir aus meiner Kindheit [...] vielgesungene Stücke aufbewahrt hat.“ (25)

Zwar ist ein Großteil von Nadels Archiv und Sammlung durch Kriegseinwirkung zerstört (der erhaltene Rest des Nachlasses befindet sich in der Schreiber Jewish Music Library in Philadelphia). Zwar wurde auch der Großteil von Nadels Kompositionen zerstört. Zwar bleiben beide bedeutenden Kompendien verschollen. Doch dieser so umfassend begabte und ungemein produktive Mensch, von dem die Tochter erzählt: „Er liebte gutes Essen und Trinken und besonders die Frauen“ (26) steht als Vorreiter für den Auftrag, dem sich unter anderem das Europäische Zentrum für Jüdische Musik verpflichtet fühlt: die Zeugnisse der jüdischen Synagogalmusik zu sammeln und so aufzubereiten, dass diese Musik lebendig bleibt.

Barbara Burghardt

 

Arno Nadel

Bibliographische Angaben

(1) Nemtsov, Jascha: Arno Nadel (1878-1943). Sein Beitrag zur jüdischen Musikkultur. Berlin: Hentrich & Hentrich, 2008, S. 41.
EZJM-Signatur: D20 JM 77

(2) gemeint ist hier die Zeit von etwa 1800 bis 1900.

(3) Nemtsov (2008), S. 43.

(4) ebd., S. 9.

(5) ebd., S. 9.

(6) ebd., S. 13.

(7) ebd., S. 54.

(8) ebd., S. 15.

(9) Gottgetreu, Erich: „Welch ein elender Unsommer“. Aus den Aufzeichnungen des Dichters Arno Nadel. In: Bulletin des Leo Baeck-Instituts, Vol. 14 (1975), S. 98-113, hier S. 102.
EZJM-Signatur: X Got (2)

(10) Nemtsov, Jascha: Deutsch-jüdische Identität und Überlebenskampf. Jüdische Komponisten im Berlin der NS-Zeit. Wiesbaden: Harrassowitz, 2010, S. 91.
EZJM-Signatur: A2 1 Nem

(11) ebd., S. 103.

(12) ebd., S. 95.

(13) ebd., S. 97.

(14) Nadel, Arno: „Das Judentum in der Musik“. In: Jüdische Rundschau, Vol. 36, 6.5.1927, S. 256.

(15) Nemtsov (2008), S. 30.

(16) ebd., S. 32f.

(17) ebd., S. 34.

(18) Nemtsov (2010), S. 73.

(19) Nadel (1927), S. 257.

(20) Nadel, Arno: The „Hanoverian Compendium“. In: Musica Hebraica, Vol. 1-2 (1938), S. 29.
EZJM-Signatur: ZA 2

(21) ebd.

(22) ebd.

(23) Sabbat-Lieder.

(24) Nadel, Arno: Die häuslichen Sabbatgesänge. Berlin: Schocken, 1937, Vorwort S. 1.
EZJM-Signatur: C2 Nad

(25) ebd., Vorwort S. 2.

(26) Gottgetreu, S. 104f.

Zuletzt bearbeitet: 09.02.2016

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