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Das Protokollbuch der Jerusalem Musical Society

Das Protokollbuch des Exekutivausschusses der Jerusalem Musical Society, das zu den Beständen des EZJM gehört und im Nachlass der Musikethnologin Edith Gerson-Kiwi aufgefunden wurde, ist als kostbares musikhistorisches Dokument von Interesse. Die Aufzeichnungen stammen aus der Periode des von den Briten ausgeübten Völkerbundsmandats für Palästina und umfassen den Zeitraum von 1925 bis 1935.

Bisher ist noch nicht bekannt, wie das Protokollbuch in den Besitz von Edith Gerson-Kiwi gelangte. Der beiliegende Durchschlag eines Briefes aus dem Jahr 1987 (oder 1982) an den Musikwissenschaftler Peter E. Gradenwitz verdeutlicht, dass sie in dem Buch eine wertvolle Quelle für die musikhistorische Forschung sah.

Da das Buch Bearbeitungsspuren aufweist, z. B. Einklebungen von Zeitungsausschnitten, die z. T. erst aus den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts stammen, stellt sich die Frage, in welchem Maß Edith Gerson-Kiwi selbst Veränderungen an dem Protokollbuch vornahm. Auch lässt sich nicht eindeutig klären, inwieweit die mit Bleistift eingefügte Seitennummerierung sowie das Einkleben von Konzertprogrammen und deren teilweise Bearbeitung direkt durch die Mitglieder des Ausschusses bzw. erst im Nachhinein geschah.

Die Protokolle und ihr Hintergrund

Die Jerusalem Musical Society hatte sich zum Ziel gesetzt, an der Entwicklung einer hochkarätigen Musikkultur in einer Gesellschaft mitzuwirken, die zunächst vorrangig profanere Aufbauaufgaben zu bewältigen hatte. Ende 1921 gegründet und von Musikliebhabern getragen, die zu einem nicht unbeträchtlichen Teil führenden britischen Gesellschaftsschichten entstammten, strebte die Jerusalem Musical Society danach, anspruchsvolle Konzerte „klassischer“ wie auch zeitgenössischer Musik mit in- und ausländischen Künstlern in Jerusalem zu organisieren. Dabei gelang es ihr, auch hohe Beamte der Militärverwaltung und der Diplomatie ins Boot zu holen – so übernahmen während der Zeit, die hier protokolliert ist, in der Regel die jeweils amtierenden britischen Hochkommissare die Präsidentschaft über die Gesellschaft, nachdem ihr erster Präsident, High Commissioner Sir Ronald Storrs, einer der potentesten Unterstützer war. Als Initiatorin und treibende Kraft der Gesellschaft (wiewohl nicht selbst Mitglied) gilt die Cellistin Thelma Yellin, die selbst mit dem Jerusalem String Quartet einen Großteil der Kammerkonzerte bestritt. (1)

Die Organisationsarbeit für die Konzerte der Jerusalem Musical Society wurde vom Exekutivausschuss geleistet, von dessen Bestrebungen die vorliegenden Protokolle zeugen. Von der Vision bis hin zu einem funktionierenden Konzertbetrieb, auch vor dem Hintergrund komplexer politischer Verhältnisse, war der Weg zuweilen steinig. Strukturen mussten geschaffen, eine finanzielle Basis aufgebaut, Örtlichkeiten gefunden, Kontakte geknüpft und gepflegt, Verhandlungen geführt werden. Durch einen Teil der Protokolle zieht sich zum Beispiel der geplante Erwerb eines neuen Flügels – auch dies kein leichtes Unterfangen: Von der Idee bis zur Realisierung dauerte es 16 Monate; eigens hierfür wurde ein Fonds eingerichtet. Um die Jahresplanung auf die Beine zu stellen, mussten Förderer gefunden und Mitglieder geworben werden. Im eingehefteten Rechenschaftsbericht für die Saison 1930/31 sind 175 Mitglieder der Jerusalem Musical Society namentlich verzeichnet; im Dezember 1932, mit dem die handschriftlichen Aufzeichnungen enden, beläuft sich die Mitgliederzahl auf 200.

Das Protokollbuch birgt rund 50 handschriftliche Protokolle sowie eingeklebte Dokumente in gedruckter Form wie Konzertankündigungen, Konzertprogramme und Rechenschaftsberichte. Der weitaus größte Teil spiegelt die Treffen des Ausschusses zu den laufenden Geschäften wider, zusätzlich werden die in diesem Zeitraum stattfindenden Jahreshauptversammlungen der Gesellschaft dokumentiert.
Die Druckerzeugnisse sind in der Regel zweisprachig – Englisch und Hebräisch. Einige weisen handschriftliche Änderungen, Streichungen oder Korrekturen auf, mehrfach sind auch Teile herausgeschnitten. Spuren weisen darauf hin, dass einige Dokumente wieder herausgelöst worden sind. Viele der Protokolle tragen die Unterschrift bzw. das Kürzel des jeweiligen Sekretärs bzw. der Sekretärin und wurden zu einem späteren Zeitpunkt von dem oder der Vorsitzenden abgezeichnet. An jedem der Treffen nahm gewöhnlich der/die Vorsitzende, der/die Schatzmeister/in und der/die Sekretär/in teil, weitere Anwesende rekrutierten sich aus einem kleinen Stamm von Mitgliedern der Jerusalem Musical Society. In Stil und Sprache unterscheiden sich die Protokolle nach den jeweiligen Wechseln der Protokollanten erheblich.

Die Konzertplanung

Die Planung der Konzerte mit allen dazugehörigen Erfordernissen steht im Mittelpunkt der Protokolle des Exekutivausschusses. Es wird deutlich, dass es das Anliegen der Gesellschaft war, nicht nur eine zahlungskräftige Klientel anzusprechen, sondern auch weniger begüterten Musikliebhabern den Zugang zu öffentlichen Konzerten zu ermöglichen. Zwar scheint es auch reine Mitgliederkonzerte gegeben zu haben, aber der Großteil der Konzerte war öffentlich. Hierbei wurde für Mitglieder oft ein Kontingent an guten Plätzen bereitgehalten, und sie hatten bei Vorlage ihres Mitgliedsausweises freien Eintritt. Für kostspielige Auftritte von internationalen Künstlern wurden gestaffelte Eintrittspreise von allen Besuchern erhoben. Unterstützer und Künstler konnten Vergünstigungen in Anspruch nehmen, z. B. die Mitglieder der Police Band, deren Leiter der Jerusalem Musical Society angehörte, oder Mitglieder des Verbandes der Berufsmusiker. Zudem wurden jährlich Stipendien an einen Schüler oder eine Schülerin der Jerusalem School of Music vergeben.

Es scheint, dass – neben den Einnahmen durch Mitgliedsbeiträge und Eintrittspreise – Querfinanzierungen und Unterstützung durch betuchte Mitglieder es ermöglichten, in gewissem Maße auch finanzielle Wagnisse einzugehen, wiewohl man stets mit Augenmaß zu agieren und die Risiken so gering wie möglich zu halten schien. So gab zum Beispiel die langjährige Schatzmeisterin der Gesellschaft, die weithin angesehene Miss Landau, Leiterin der Jerusalemer Mädchenschule Evelina de Rothschild School, einen jährlichen Hausmusikempfang zugunsten der Jerusalem Musical Society. Thelma Yellins und Margery Bentwichs Bruder, Norman de Mattos Bentwich, hoher Regierungsbeamter, übernahm für viele Jahre den Vorsitz der Gesellschaft und des Exekutivausschusses. Er war es z. B.  auch, der bei einem Aufenthalt in London bessere Konditionen hinsichtlich der Aufführungsrechte bei der Performing Rights Society erwirkte.

Da es das Bestreben der Jerusalem Musical Society war, neben der Förderung von einheimischen Künstlern auch bekannte Künstler aus dem Ausland – oft aus der „alten Heimat Europa“ – zu rekrutieren, hatte man stets ein Augenmerk darauf, welche Musiker gerade auf Tournee durch die benachbarten Gebiete waren bzw. eine solche Tournee planten. Dies bot dann eine günstige Gelegenheit, mit ihnen bzw. ihren Agenten in Kontakt zu treten und über einen Auftritt in Jerusalem zu verhandeln. Nicht immer gestalteten sich solche Verhandlungen einfach und nicht immer waren sie von Erfolg gekrönt. Oft jedoch gelang es, Künstler von Weltrang oder aufstrebende Künstler ins Land zu holen und erstklassige Konzerte zu gestalten, die aus dem abendländischen Konzertrepertoire schöpften oder aber moderne, teilweise noch nie in Palästina aufgeführte Kompositionen zu Gehör brachten. Vom Solokonzert über die Kammeroper bis hin zur Aufführung großer Orchesterwerke (dies in Zusammenarbeit mit der Hebrew University, deren Amphitheater man nutzte) reichte die Bandbreite, von der das Protokollbuch zeugt. Als genauso wichtig wurde es angesehen, den Künstlern aus der Region ein Forum zu geben. Auch hier wurden die Besten von der Jerusalem Musical Society umworben und gaben hochgelobte Konzerte, wobei auch die orientalisch-arabische Musik zum Tragen kam, so war zum Beispiel das 9. Konzert der Saison 1931/32 ein „Concert of Oriental Music“.

Die handschriftlichen Aufzeichnungen enden im Dezember 1932. Es ist jedoch noch ein Programmheft für die geplante Saison 1934/35 eingeklebt. In diesem werden die Mitglieder der Jerusalem Musical Society folgendermaßen angesprochen:

„It is most essential for members to realise that the Committee rely to a great extent upon the enthusiastic support of each individual member in keeping the Society going, by making known its high aims, its disinterested activities in promoting first class concerts and fostering local talent. The Committee, while regarding its duty as a pleasurable privilege feel that its task often arduous of negotiating, arranging and continuing each season’s activities would be much lightened if members would realise and share the Committee’s constant anxiety in balancing its budget. A membership of at least 250 is imperative if the Society is to continue its good work and each member is urged to recruit as many new members as possible.”

Wie wir aus der Sekundärliteratur wissen, endete die Arbeit der Jerusalem Musical Society bereits kurz darauf vor dem Hintergrund einer in der Zwischenzeit aufgeblühten Musikkultur in Palästina. 1946 beschrieb Thelma Yellin in einem Zeitungsartikel in der Palestine Post dies als natürlichen Prozess: “The Society functioned for 15 years until, with the arrival of the Palestine Orchestra, it died a natural death.” (2)

Obwohl es noch nicht gelungen ist, das vorliegende Protokollbuch restlos zu entziffern, erlaubt es einzigartige Einblicke in eine vergangene Zeit. Aus den Aufzeichnungen scheint ein ungebrochener Enthusiasmus auf, das europäische Musikerbe in die neue Heimat hineinzutragen und gleichzeitig Neues aufzubauen und einer eigenständigen Musikkultur den Weg zu ebnen.

Eine Anmerkung sei angefügt: Nicht nur nüchterner Protokollstil ist in dem Buch zu finden, sondern über eine längere Strecke hinweg sind die Aufzeichnungen von einem höchst vergnüglichen, hochgebildeten britischen Humor geprägt und stellen fast ein literarisches Zeugnis dar.

Vera Ibold

 

Minutes of Meetings

Anmerkungen

(1) Den Hintergrundinformationen zum Aufbau des Musiklebens in Palästina und der Rolle der Jerusalem Musical Society liegen zugrunde:

Hirshberg, Jehoash: Music in the Jewish Community of Palestine 1880-1948. A Social History, Reprint, Oxford [u.a.]: Clarendon Press, 2002.
EZJM-Signatur: A1-4 Hir

Bentwich, Margery: Thelma Yellin. Pioneer Musician, Jerusalem: Mass 1964.
EZJM-Signatur: B2 2 Yel
Hinweis: Margery Bentwich war die Schwester von Thelma Yellin und wirkte als Violinistin an vielen der Kammerkonzerte mit.

Von der Lühe, Barbara: Die Emigration deutschsprachiger Musikschaffender in das britische Mandatsgebiet Palästina: ihr Beitrag zur Entwicklung des israelischen Rundfunks, der Oper und der Musikpädagogik seit 1933, Frankfurt am Main: Lang 1999.
EZJM-Signatur: A1 5 Lüh

(2) zitiert nach Bentwich, S. 49.

Zuletzt bearbeitet: 08.02.2016

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