Jüdische Gemeinden im Wandel

Call for Papers

Jüdische Gemeinden in Deutschland im Wandel: Objekte, Räume und Traditionen als Spiegel religiöser Transformationsprozesse nach der Schoa

Internationale Tagung, 15.–18. März 2020

Veranstalter:
Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur, Technische Universität Braunschweig
Braunschweigisches Landesmuseum
Europäisches Zentrum für Jüdische Musik, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
Jüdisches Museum Augsburg Schwaben

Veranstaltungsort: Technische Universität Braunschweig
 
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges etablierten sich in vielen Orten Deutschlands sehr rasch – oft nur wenige Tage nach Kriegsende – jüdische Gottesdienste und Gemeinden bzw. Gemeinschaften. Die kleinen, in sich heterogenen und unter oft schwierigen Bedingungen entstandenen jüdischen Gemeinschaften gaben den Überlebenden Halt und Hoffnung. Etwa 15.000 deutsche Jüdinnen und Juden waren zu Kriegsende in Deutschland – als Überlebende oder aus der Emigration zurückgekehrt. Die Jahrzehnte des Wiederaufbaus jüdischen Lebens in Deutschland fanden in verschiedenen Phasen statt und waren eng mit der sich wandelnden soziokulturellen Zusammensetzung der Gemeinden verbunden: Neben den wenigen deutschen Jüdinnen und Juden und den DPs, die sich entschieden hatten, im Land zu bleiben, beeinflussten auch jene, die in den 1960er Jahren nach einem gescheiterten Auswanderungsversuch nach Deutschland zurückgekehrt waren, das Gemeindeleben. Die seit 1945 stattfindenden Transformationsprozesse spiegeln sich vor allem in der religiösen Praxis mit ihren sakralen Räumen, Objekten und musikalischen Traditionen wider.

Anfangs waren die ersten für den Gottesdienst genutzten Objekte und Räume provisorisch, aber schon mit den anfänglichen Umbauten und spätestens den ersten in Ost- und Westdeutschland neu errichteten Synagogen – 1952 in Erfurt und Stuttgart – hatte sich jüdisches Leben teilweise wieder etabliert. Durch den Bruch der Schoa und die damit verbundene Neuzusammensetzung der Gemeinden unterschieden sie sich in Liturgie und Gebetspraxis von jener der Vorkriegsgemeinden. Beeinflusst waren diese u.a. durch jüdische Hilfsorganisationen (e.g. Joint Distribution Committee, Jewish Relief, Chief Rabbi Emergency Fund, Jewish Cultural Reconstruction JCR ...), die Ritualobjekte und sogar Rabbiner und Kantoren in die Gemeinden entsandten.

Aber auch in der Folgezeit veränderten sich Liturgie und Objekte des Gottesdienstes: Ritualobjekte wurden ersetzt und neue Synagogen wurden errichtet, der synagogale Gesang war größtenteils vom sog. Minhag Polin der Überlebenden-Generation geprägt und wich mit dem demographischen Umbruch Mitte der 1980er-Jahren einer standardisierten, internationalen Tradition des liturgischen Gesangs. Schließlich veränderte in den 1990er-Jahren nicht nur der Zuzug von Jüdinnen und Juden aus den GUS Staaten das jüdische Gemeindeleben und den Gottesdienst. Auch das 1999 gegründete Abraham Geiger Kolleg in Berlin, das seither Rabbiner und seit 2008 auch Kantoren für Europa ausbildet, nimmt einen wesentlichen Einfluss auf das religiöse Selbstverständnis der jüdischen Gemeinden in Deutschland und deren religiöse Praxis. Die Nachkriegszeit kann somit als Phase der Transformation des Judentums betrachtet werden, die konstitutiv für die weitere Entwicklung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in Deutschland und weit darüber hinaus werden sollte.

Die Tagung will fragen, wie sich der Neubeginn jüdischen Lebens in Deutschland nach der Schoa in Objekten, Räumen und religiösen bzw. musikalischen Praktiken widerspiegelt. Mögliche Themenfelder könnten sein:

  • Woher stammten Ritualobjekte und musikalische Traditionen?
  • Wie entwickelten sich Ritualobjekte, Synagogen, Religionspraxis und Musik seit 1945? Woran lassen sich eventuelle Brüche oder Kontinuitäten in der Geschichte der Gemeinden ablesen?
  • Welchen Wert haben „Relikte“ der Vorkriegszeit und des Neuanfangs für die heutigen Gemeinden?
  • Welche Rolle spielt das Gedenken an die Schoa und ihre Opfer in der Synagoge und der religiösen Praxis?
  • Inwiefern reflektieren Ritualobjekte, Räume, liturgische Traditionen und ihre Musik tatsächlich das jüdische Selbstverständnis in Deutschland bzw. in den einzelnen Gemeinden heute?
  • Welche Unterschiede zwischen einzelnen Gemeinden können festgemacht werden?
  • Wie wurde und wird das jüdische religiöse Leben der Nachkriegszeit in Museen präsentiert?

Die Konferenz will die Forschung zu jüdischen Objekten, Räumen, Religionspraxis und ihrer Musik der Nachkriegszeit kritisch in den Blick nehmen. Obwohl der Fokus der Betrachtungen auf Deutschland liegen soll, sind vergleichende Beiträge zu Entwicklungen der angrenzenden Länder willkommen.
Die einzelnen Beiträge sollen eine Länge von 20 Minuten nicht überschreiten, um ein möglichst breites Spektrum von Thesen, Methoden und Argumenten zur Diskussion stellen zu können. Bitte reichen Sie eine Zusammenfassung (max. 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) und einen Kurzlebenslauf ggf. mit Angaben zur institutionellen Anbindung bis zum 30. September 2019 ein. Eine Publikation ausgewählter Beiträge ist beabsichtigt.

Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.

Bitte senden Sie Ihre Zusammenfassung und Ihren Lebenslauf oder auch Ihre Fragen an folgende Adresse:

Technische Universität Braunschweig
Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur
Pockelsstraße 4, 38106 Braunschweig
Tel. +49 (0)531 391 2526
E-Mail: Katrin Keßler

 

Zuletzt bearbeitet: 28.06.2019

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