Festtage zur Eröffnung der Villa Seligmann – ein Rückblick
Am 17. Januar 2012 wurde im Beisein des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, des Niedersächsischen Ministerpräsidenten, des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Hannover und der Chefin der Niedersächsischen Staatskanzlei als Kuratoriumsvorsitzende der Siegmund Seligmann-Stiftung die Villa Seligmann mit einem Festakt eröffnet. Im Anschluss gab der Europäische Synagogalchor unter der Leitung von Andor Izsák ein Konzert. Unter den geladenen hochrangigen Gästen waren die großzügigen Stifter Dirk Roßmann, Martin Kind und Elke Strathmann aus dem Vorstand der Continental AG, bedeutende Vertreter der Wirtschaft wie Jürgen Großmann und Maria-Elisabeth Schaeffler, der Präsident des Niedersächsischen Landtages, zahlreiche amtierende und ehemalige Landesminister, Vertreter der Familie Seligmann, Überlebende des Holocaust, der Generalmusikdirektor der Großen Synagoge Jerusalems, Elli Jaffe, und viele weitere bedeutende Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft. Viele Medien berichteten über den live im Internet übertragenen und im Radio gesendeten Festakt.
Bereits am 15. Januar hatte der Oberrabbiner des Staates Israel, Yonah Metzger, die Villa Seligmann besucht. Ab dem 18. Januar stand das Haus für Besucher offen, die bei einer vollständig ausgebuchten großen Konzertreihe ausgiebig Gelegenheit hatten, die Villa zu erkunden und dabei jüdische Musik in herausragenden Interpretationen zu hören.
Beim ersten Konzert, das wie am Vortag der Europäische Synagogalchor gestaltete, trat als Überraschungsgast auch Elli Jaffe auf, der in einer bewegenden Ansprache die Rolle der Villa Seligmann, des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik und des Lebenswerkes von Andor Izsák für die jüdische Musikkultur würdigte. Der Europäische Synagogalchor, begleitet von Alexander Ivanov und Martin Lüssenhop an der Orgel, gestaltete am 19. und am 29. Januar zwei weitere Konzerte mit synagogalen Gesängen, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden.
Am 20. und 21. Januar war die Konzertmeisterin der NDR Radiophilharmonie, Kathrin Rabus, zu Gast in der Villa Seligmann und gestaltete gemeinsam mit Erika Lux am Flügel ein abwechsungsreiches kammermusikalisches Programm.
Am 22. und 24. Januar verzauberten die Starsopranistin Carmen Fuggiss und der Pianist und Dirigent Jonathan Seers das Publikum mit ernstem und ironischem jüdischem Liedgut.
Bei den beiden Kammerkonzerten am 25. und 26. Januar präsentierten der aus Tokio stammende und in Berlin wirkende Violinist Yoshiaki Shibata und Erika Lux am Flügel Ernstes und Unterhaltsames.
Alle Konzerte in der Villa Seligmann wurden moderiert von Andor Izsák, der zu Beginn stets auch die historische Berliner Synagogenorgel erklingen ließ mit traditionellen synagogalen Melodien. In seinen heiteren Moderationen ließ Izsák die jüdische bürgerliche Kultur wiederauferstehen und zeigte die Zusammenhänge zwischen synagogaler Musik und der europäischen Musikkultur auf. In nachdenklichen Momenten verwies er auf die Notwendigkeit – auch vor dem Hintergrund aktueller antisemitischer Tendenzen –, die Schönheit der jüdischen Kultur und deren Beitrag zur deutschen Kultur zu würdigen.
Konzerte zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus
Ergänzend zu den insgesamt zehn Konzerten mit über 1.000 Zuschauern in der Villa Seligmann leitete Andor Izsák am 27. Januar im Berliner Dom das Gedenkkonzert zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Er dirigierte die Berliner Domkantorei mit deutsch- und hebräischsprachigen Werken von Louis Lewandowski. Der Kantor des Berliner Doms, Tobias Brommann, begleitete das Konzert an der Orgel.
In der mehr als voll besetzten Marktkirche Hannover war die Berliner Domkantorei am Folgetag zu einem Konzert zu Gast, bei dem Oberbürgermeister Stephan Weil die Ansprache hielt. Die aus Berlin mit 70 Sängern angereiste Domkantorei sang im Altarraum, das Ensemble für Synagogale Musik Hannover von der Chorempore Werke von Louis Lewandowski. Andor Izsák improvisierte an der Goll-Orgel über das Thema „Enosch“.
Siegmund Seligmann
Der jüdische Bankkaufmann Siegmund Seligmann (geb. 19.8.1853 in Verden / Aller, gest. 12.10.1925 in Hannover) tritt 1876 als Prokurist in die Firma „Continental Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie“ ein. Drei Jahre später ist er im Vorstand tätig. Unter seiner Leitung entwickelt sich die Firma Continental zu einem Unternehmen von Weltrang. Im Jahr 1923 verleiht ihm die Stadt Hannover die Ehrenbürgerwürde.
1910 entsteht das Porträt des Malers Max Liebermann. Es ist heute als Leihgabe der Nachfahren Siegmund Seligmanns in der Villa Seligmann zu sehen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich Siegmund Seligmann in der hannoverschen Hohenzollernstraße eine repräsentative Villa in großzügiger Gartenanlage errichten. Als Architekten wählt er Hermann Schaedtler.
Die Villa, eines der wenigen hannoverschen Zeugnisse des jüdischen Bürgertums vor der Schoa, stellt mit ihrem Saal und ihren zahlreichen Räumen den idealen Ort dar für ein Haus der Dokumentation, Erforschung und Vermittlung jüdischer Musik. Sie bietet Platz für Archiv, Bibliothek und Phonothek, für Instrumente und Konzerte, für Ausstellungen, Vortragsreihen und Unterrichtsveranstaltungen.
Ende 2006 hat die Siegmund Seligmann-Stiftung die Villa erworben. Seit dem 1. Mai 2008 ist sie die neue Besitzerin.
Siegmund Seligmann-Stiftung
Um für die vielfältigen Aufgaben des EZJM eine breitere Grundlage zu schaffen, wurde im Jahr 2006 die Siegmund Seligmann-Stiftung ins Leben gerufen. Vertreter der Politik, der Wirtschaft und des kulturellen Lebens setzen sich in ihren Gremien für die Belange der jüdisch-liturgischen Musik ein.
Professor Andor Izsák ist heute Ehrenpräsident der Stiftung. Als Vorsitzender des Vorstandes ist Lutz Stratmann MdL, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur a.D., tätig; weitere Vorstandsmitglieder sind Dr. Robert Pohlhausen, Vorsitzender des Vorstandes der VGH Versicherungen, und Herbert Pauer, Präsident der Wehrbereichsverwaltung Nord a.D. Dem Kuratorium sitzt die Chefin der Niedersächsischen Staatskanzlei Dr. Christine Hawighorst vor.
Die Siegmund Seligmann-Stiftung fördert die Anliegen des EZJM finanziell und ideell. Sie ist die Trägerin des Gebäudes Villa Seligmann, in der das EZJM seit April 2011 seinen Sitz gefunden hat.
Restaurierung der Villa Seligmann
Bei den denkmalpflegerischen Untersuchungen im Zuge der Restaurierungsarbeiten kamen immer wieder neue und überraschende Befunde aus dem Baujahr zum Vorschein, wie zum Beispiel ein großes Fresko in der Apsis der Großen Halle, dem jetzigen Konzertsaal der Villa. Dieses Fresko ist nun wieder freigelegt.
Entdeckt wurden auch wertvolle Stoffbespannungen und Tapeten aus dem Ursprungsbaujahr, die – soweit möglich und rekonstruierbar – wieder ergänzt wurden. Die zahlreichen Holzverkleidungen und Türen wurden aufgearbeitet, so dass die dekorativen Elemente wieder in ihrer ursprünglichen Schönheit zur Geltung kommen. Die Wände wurden in Anlehnung an den historischen Befund wieder gestrichen, Fußböden aufgearbeitet und rekonstruiert.
Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik hat seine neuen Büroräume in der zweiten Etage gefunden, wo früher die Wäsche gewaschen und getrocknet, gebügelt und genäht wurde und wo die Gäste des Hauses wohnten.














